Predigt: „Adventskalender“ von Pfarrerin Dr. Anneke Peereboom (30.11.2025)
Liebe Gemeinde!
Eine Tür ist wie das Gesicht eines Hauses. Noch bevor wir eintreten, erzählt sie uns etwas über das, was dahinter liegt. Nein, alles erkennen kann ich freilich noch nicht, aber ich erahne doch, ob ich eine Bank betrete oder ein Wohnhaus, eine Schule oder ein Kaufhaus. Türen sind nicht nebensächlich. Sie verbinden außen und innen. Türen öffnen oder schließen. Sind auf oder zu.
Die Adventszeit ist eine Zeit der Türen. Eine Zeit, die ein Türöffner für das Wunder der Weihnacht sein kann und will. Die Adventszeit ist die Tür, die schon erahnen lässt, was uns drinnen erwartet, wenn wir eintreten und es Weihnachten wird. Denn von allein erschließt sich keinem, warum ein kleiner unscheinbarer Stall weit weg in Bethlehem vor 2000 Jahren, in dem sich mehr schlecht als recht eine Geburt ereignete, in unserem Leben heute noch Freude auslösen sollte. Weihnachten begreift nur, wer sich schon im Advent auf den Weg dahin macht, wer Türen öffnet und sich wundert, wohin sie führen. Wer da nicht tut, dem bleibt das wahre Geheimnis von Weihnachten wahrscheinlich verschlossen.
Heute, am 1. Advent, stehen wir gemeinsam an der Schwelle zur Adventszeit. Und wir machen uns so unsere Gedanken – heute über Türen. Wie fangen wir da an? Nun vielleicht so:
Was haben rund 73 Prozent der Deutschen? Antwort: Einen Adventskalender. Sie auch? (=> Kurze Umfrage). Über 80 Millionen werden in unserem Land produziert – ein nicht unwesentlicher Teil davon geht ins Ausland. Auch wenn das mit Schokolade gefüllte Exemplar seit langen Jahren der Kassenschlager ist, erscheinen jedes Jahr mehr Varianten: von Red Bull, über Bier bis hin zu Whiskey, Beautyprodukten, Spielzeug für die Kleinen (Stichwort: Playmobil) und Spielzeug für die Großen (Stichwort: Erotik) für alles gibt es ein Türchen, das uns der Sache näher bringt. „Der Adventskalender ist längst mehr als eine Kindheitstradition – er ist ein fest etabliertes Konsumritual in der Vorweihnachtszeit“, sagt Konsumforscherin Petra Süptitz. „Auffällig ist, dass sich viele Erwachsene selbst beschenken und zugleich preisbewusst bleiben. Der Kalenderkauf wird so zum kleinen, kalkulierten Luxusmoment im Alltag.“
Das, liebe Gemeinde, war ursprünglich eher nicht der Sinn des Adventskalenders.
Er wurde als Türöffner für die Weihnachtszeit erdacht – nicht von Süßwarenfabrikanten sondern von evangelischen Christen. Ja, der Adventskalender ist eine zutiefst protestantische Erfindung – glauben Sie es ruhig. 24 Türchen, 24 kleine Schritte auf Weihnachten zu, 24 Gelegenheiten, Gott ein Stück näher zu kommen. Ein geistlicher Wegweiser.
Es war Mitte des 19. Jahrhunderts, als Eltern anfingen, mit ihren Kindern die Zeit bis Weihnachten abzuzählen. Einige malten dafür 24 Kreidestriche an die Tür – mit jeweils längeren oder farbigen Strichen für die 4 Adventssonntage. Die Kinder durften dann jeden Tag einen Strich wegwischen. In anderen Familien durften die Kinder für gute Taten (!) täglich einen Strohhalm oder eine Feder in die Krippe legen, damit das Jesuskind schön weich liegen möge. Oder aber sie konnten das Christkind täglich eine Sprosse auf der Himmelsleiter weiter abwärts setzen, um so zu verdeutlichen, dass Gott an Weihnachten auf die Erde kommt. In vielen evangelischen Familien gab es eine Zeit der Andacht und Besinnung zu Hause. Dort wurden Bibelstellen aus den Weissagungen der Propheten vorgelesen und an Anhängern an kleine Adventsbäumchen aufgehängt, gemeinsam gebetet und Lieder gesungen und täglich ein neues Kerzlein entzündet.
Das Licht nahm so jeden Tag zu und vor dem Hintergrund der Weissagungen aus der Bibel, die man gemeinsam las, konnte man sinnbildlich gut verstehen – es geht bei all dem Zauber um die bevorstehende Ankunft des Lichts der Welt, Jesus Christus. Advent kommt von dem lateinischen Wort „adventus“ und das bedeutet: Ankunft. Die Zeit vom 4. Sonntag vor Weihnachten bis zum 24. Dezember wurde dementsprechend gestaltet als eine Zeit des Ankommens, des geistlichen Vorbereitens. Freude ist ein zartes und sehr gefährdetes Pflänzchen, an dem viele Schädlinge nagen. Das Pflänzchen Freude braucht Zeit zum Wachsen und Wurzeln schlagen und gerne auch einen nahrhaften Dünger namens Vertrauen und Zuversicht. Diesen „geistlichen“ Dünger lieferten die Vorläufer unserer heutigen Adventskalender. Es ging weniger um Kommerz und mehr ums Herz und darum, es für eine Erfahrung mit Gott zu öffnen. Von alleine geschieht das eher nicht. Wenn Gott bei Ihnen letztes Jahr keine große Rolle gespielt hat am Heiligen Abend, dann vielleicht nicht, weil es ihn nicht gibt, sondern weil er zwar da war, Sie ihm aber nicht die Tür aufgemacht haben. „Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn´“ haben wir vorhin gesungen – kein Wunder, wenn wir für Gott an Weihnachten vor lauter familiären Verpflichtungen keine Zeit haben, dass dann nicht selten auch die Freude mit außen vor bleibt oder Weihnachten irgendwie banal und als viel zu kommerziell erscheint. Denn das ist das, was wir daraus machen, wenn wir nicht durch die Tür geht, die der Advent uns öffnen möchte.
Früher war man da offenbar schlauer: Die seit der Wende vom 19. Ins 20. Jahrhundert in Druckform erscheinenden Adventskalender waren vor allem mit einem gefüllt – mit Hoffnungsworten der Bibel und entsprechenden Bildern. Ich ahne, sie wären heute keine Bestseller mehr. Wir frönen mit unseren Kalendern anderen Ideologien, bringen andere Erwartungen zum Ausdruck. Es wäre durchaus spannend, sich mal zu fragen: Was erzählen uns unsere Adventskalender heute eigentlich über den Charakter eines Weihnachtsfestes, für das sie der Türöffner sein sollen? Wohin führt uns die Tür, die unser Adventskalender uns eröffnet? Die Sehnsucht nach der Begegnung mit Gott ist vermutlich nur noch bei wenigen hinter den 24 Türchen zu entdecken, die uns noch vom Weihnachtsfest trennen. Klar, auch wir möchten natürlich gerne noch Freude wachsen sehen – zum Beispiel wenn wir liebevoll den passenden Kalender für unsere Kinder auswählen. Aber wir nehmen diese Freude lieber selbst in die Hand und denken sie innerweltlich – das zumindest bestätigte gestern meine persönliche Recherche beim Gang durch den Supermarkt.
Wir scheuen wenig Kosten und Mühen, um Weihnachten zum perfekten Familienfest auszustaffieren und tun alles, um uns in die passende Weihnachts-Stimmung zu versetzen an Backblechen und Glühweinständen, bei Lichterketten und Kerzenschein, mit Tannenzweigen und Nikolausstiefeln. Das ist nicht falsch, aber es ist nur die Kulisse. Denn darum geht es im Kern doch gar nicht. Sicherlich, Weihnachten ist das Fest der Liebe, aber doch nicht meiner Liebe, die ich für mich und die meinen in dieses Fest investiere – sondern seiner! Gottes Liebe. Und Gottes Liebe kam damals schon nicht in perfekte Verhältnisse – und heute ebenso wenig. Jesus wurde im wahrsten Sinne des Wortes mitten in den Mist dieser Welt hineingeboren, weil sich ihm keine Türen öffnen wollten in Bethlehem, wo man gerade anderweitig beschäftigt war. Ich stelle mir die Geburt unter diesen Umständen echt super ätzend vor, weit weg von daheim, und von Frauen, die wissen, was zu tun ist, allein mit dem Schreiner, Ochs und Esel und spontanem Überraschungsbesuch aus dem fernen Arabien. Nichts wie geplant. Und doch irgendwie vollkommen – weil Gottes vollkommene Liebe genau dort zur Welt gekommen ist. Und das, liebe Gemeinde, ist doch Weihnachten. Und genau darauf müssen wir uns vorbereiten. Es geht nicht darum, dass und wie Weihnachten kommt.
Es geht darum, wer an Weihnachten kommt! Weihnachten ist im Kern eine Begegnung. Eine Begegnung mit Gott, mit Jesus Christus, der schon unterwegs ist, der bald ankommt. Der sich nicht abschrecken lässt von den aktuellen Umständen. Der trotzdem kommt und vor der Tür steht und anklopft, in der Hoffnung, dass wir ihm unser Herz aufmachen, dass wir ihm Raum geben in der Herberge, die im Grunde genommen wohl nicht in Bethlehem sondern in unserem Lebenshaus liegt. Und wenn ich ihm die Tür tatsächlich aufmache, dann kommt er, mitten in meinen ganzen Mist hinein. Er kommt, wenn ich so hilflos bin, wie eine Frau, die eben erst entbunden hat. Er kommt, wenn ich in meinem Stolz verletzt bin wie ein Mann, dessen Frau schwanger ist, aber nicht von ihm. Er kommt, wenn ich vom Leben nichts Besonderes mehr erwarte wie die Hirten. Er kommt zur mir, so wie ich bin. In mein Leben, so wie es ist. Wenn ich ihn nur einlasse. Wie haben wir es vorhin in Psalm 24 gehört:
„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe!“
Das ist nicht einfach irgendein liturgischer Ruf, sondern eine innere Bewegung, die wir vollziehen sollen. Der Psalm fragt: Wem gehört dein Herz? Was lässt du hinein und was soll draußen bleiben?
Wenn wir „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ singen, geht es da nicht um den Tempel oder die Kirche, sondern um unsere Herzenstür. Ob wir unser Leben öffnen für Christus. Er drängt sich nicht auf. Er stemmt keinen Fuß in die Tür. Er erzwingt keinen Einlass. Wir müssen ihn nicht in unser Leben lassen. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass er kommt. Und dann sagt er solche Dinge wie „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Oder „Ich bin die Tür.“ Er sagt nicht: Ich kenne den Weg. Er sagt: Ich bin der Weg. Er sagt nicht: Ich zeige euch die richtige Tür. Er sagt: Ich bin die Tür.
Jesus Christus ist die Eintrittspforte, durch die wir zu Gott kommen. Der Eingang. Die Tür, die widerspiegelt, um welche Art von Haus es sich handelt. Gottes Haus ist ein Haus der Seligkeit und der Freiheit und der Fülle. Jesus sagt: „Ich bin die Tür. Wer durch mich eingeht, der wird selig werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.“ Es wird nicht eng um mich, mit eingeschränkten Bewegungsräumen, wenn ich durch diese Tür gehe – nein, im Gegenteil – der Raum weitet sich. „Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt,“ sagt Jesus. In jeder Lebenslage. Paul Gerhard dichtet ich seinem Adventslied „Wie soll ich dich empfangen?“: „ihr habet die Hilfe vor der Tür; der eure Herzen labet und tröstet, steht allhier.“
Das ist jetzt etwas altmodisch ausgedrückt für: Ganz egal wie schlecht es dir gerade geht, wie bedrückt oder mutlos du auch bist, deine Hilfe steht schon vor der Tür. Sie sind hier, die Rettungskräfte, nur aufmachen musst du noch.
Was möchte ich Ihnen damit nun heute sagen? Dass sie Ihre Adventskalender aus geistlichen Gründen entsorgen und heute Nachmittag eine Himmelsleiter basteln müssen, auf der das Christkind zur Erde niedersteigt – oder die Schokolade wenigstens an die Armen verteilen? Ach wissen Sie, ich glaube, Sie dürfen schon Ihren Spaß daran haben, wenn Sie möchten. Ich glaube, wichtig ist nun, dass ihnen beim Kauen klar ist: Die 24 Türen dieser Art von Kalender führen im Grunde zu gar nichts. Sie eröffnen gar nichts. Die 24 Tage des Advent hingegen führen zu Gott. Wir müssen uns nicht fragen, wo Gott ist oder wie wir ihm begegnen können – denn die Tür zu ihm ist ja da. Gott ist uns nicht verschlossen, Christus hat ihn uns erschlossen. Er ist die Tür. Und jeden Tag, den ich durch ihn auf Weihnachten zugehe, begreife ich das vielleicht ein Stück mehr. Und ich kann mich fragen: Was brauche ich, um durch die offene Tür treten zu können? Was will ich lieber ablegen und zurücklassen und nicht mitnehmen? Und: Was muss noch geschehen, damit ich aufhöre zu warten und mich auch auf den Weg zu ihm mache?
Vielleicht muss ich einfach nur dem Licht nachgehen, das durch die Tür fällt, wenn es mir hier in dieser Welt zu finster wird?
„Es gilt das gesprochene Wort.“
