„Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ (Joh 11,26)

Predigt von Pfarrerin Dr. Anneke  Peereboom (23.11.2025)

 Gott, segne unser Reden, Hören und Verstehen durch deinen Heiligen Geist. Amen.

 Liebe Gemeinde,

als unser zweitältester Sohn noch ganz klein war, liebte er den Himmel und beobachtete ihn aufmerksam. Er sucht ihn nach Vögeln und Flugzeugen ab, nach Hubschraubern, Heißluftballons und wundersamen Wolkengebilden. Am meisten aber faszinierten ihn die Himmelslichter: Sonne, Mond und Sterne. Es war ihm wichtig, dass es hell ist um ihn herum, das Dunkel machte ihm mit seinen 3 Jahren immer noch ein wenig Angst. Dann sah er nichts und f

ühlte sich allein. Nachts brannte deshalb eine bunte Lichterkette über seinem Bett – und draußen, ja da sind es die Himmelslichter, die die Dunkelheit für ihn erträglich machten und uns den Weg leuchteten. Es war ein festes Ritual im Herbst, dass er nach dem Aufstehen als erstes besorgt durch das Fenster hinaus in einen noch finsteren Morgenhimmel blinzelte und

fragte: „Bald heller?“ Und am Spätnachmittag, wenn die momentan so oft bleiverhangenen Himmel sich verdüsterten, verabschiedete er das Licht als wär es das letzte Mal, dass er es sieht. „Die Sonne ist weggegangen,“ sagte er dann todtraurig. Es könnte ja für immer sein.

Manchmal denke ich, dass es mit der Trauer eines Menschen ähnlich ist wie mit den Himmelsstudien unseres Sohnes. Auch die Trauer kommt ja mit der Macht und Unabänderlichkeit eines Naturereignisses. Sie bricht über uns herein wie die Nacht. Die Trauer hat dabei durchaus auch ihren ganz eigenen Rhythmus aus lichten Momenten der Dankbarkeit und anderen Zeiten, in denen es düster in uns ist, weil uns schwer ums Herz wird. Nicht wenigen, die einen geliebten Menschen verloren haben, scheint es, als sei damit die Wärme, das Licht und die Freude am Leben gleich mit verloren gegangen – just das also, was unser Sohn jeden Abend aufs Neue befürchtete, wenn die Sonne unterging. Wer dem Tod ins Auge gesehen hat, hat ein Stück Nachthimmel gesehen – ohne Sterne. Ein schwarzes Nichts, ein endlos scheinender Abgrund, in dem man nichts und niemanden wiederfindet: Den nicht, der in diesen Tod hineingegangen ist, den eigenen Weg nicht mehr und manchmal auch nicht mehr den Sinn von allem. Das tut weh und das macht Angst. Als wär man noch einmal drei Jahre alt und würde allein im Dunkeln wach.

Aber – und auch davon wissen viele Trauernde zu erzählen – man findet so seine Überlebensstrategien. Das, was einem hilft weiterzumachen, durch den Tag und durch die Nacht zu kommen. Ich möchte Ihnen erzählen, was unserem Sohn geholfen hat. Wir hatten uns am Küchenfenster mal wieder von der Sonne verabschiedet, da habe ich ihm erzählt, dass die Sonne jetzt eine weite Reise macht. Einmal um die ganze Erde.

Dass sie jetzt zwar bei uns weggeht und es hier dunkel wird, dass aber dafür die Menschen auf der anderen Seite dafür nun die Sonne aufgehen und

das Licht kommen sehen, in so fernen, paradiesischen Ländern wie Australien, Asien oder in der Südsee.

Damit zeigt sie uns, so habe ich gesagt, dass dieser Tag jetzt für uns zu Ende ist und wir beruhigt schlafen gehen können, weil es nichts mehr für uns zu tun gibt. Wir können ausruhen – bis ein neuer Tag beginnt. Seitdem sagte der Kleine plötzlich nicht mehr: „Die Sonne ist weggegangen“ sondern fragte: „Wo geht die Sonne jetzt hin?“ Er hatte verstanden, dass etwas, was fortgeht, nicht verlorengeht in der Dunkelheit, sondern einfach nur woanders ist. Die Sonne ist und bleibt da, sie ist nur gerade nicht bei uns.

Wenn man mal drüber nachdenkt, ist das keine schlechte Beschreibung dafür, was wir Christinnen und Christen mit dem Wort „Auferstehung“ meinen. „Auferstehung“ – das heißt, dass Menschen, die von uns gehen, nicht verlorengehen in einem finsteren Reich des Todes wie in einem dieser schwarzen Löcher im Weltall. Dass sie nicht einfach „weg“ sind, verschwunden im Nichts. Sicher, wir können sie nicht mehr sehen und es ist dunkler geworden ohne sie in unserem Leben. Aber wer glauben kann, dass Jesus Christus unter uns gelebt hat als einer von uns, dass er unseren Tod gestorben und doch auferstanden ist von den Toten, aufgefahren in den Himmel, wie wir das eben im Glaubensbekenntnis miteinander bekannt haben, für den ist mit dem Tod nicht aller Tage Abend.

Von Jesu Auferstehung her strahlt ein Licht auf über unserer Endlichkeit, und wer sich daran festhält und in der Hoffnung auf sie leben und sterben kann, der kann sie Licht sehen selbst im Dunkel des Todes. Der christliche Glaube ist so etwas wie der Sonnenaufgang unserer Seele. Wer dem Herrn über Leben und Tod im eigenen Leben und Sterben vertraut hat, über den hat der Tod nicht das letzte Wort sondern der, der von sich selbst sagte: „Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“. Für mich heißt das: Auch wenn ich trauere und es finster in mir aussieht, darf ich darauf vertrauen, dass der Mensch, den ich hier vermisse, am anderen Ufer der Zeit den Sonnenaufgang von Gottes Gnade erlebt, den Morgenglanz der Ewigkeit, das Licht von unerschaffnem Lichte. 

Wir mögen ja vielleicht manchmal vom Urlaub in exotischen Sonnenländern träumen wie Australien, Asien oder den Inseln der Südsee, wo die Sonne wohnt. Von den Ländern auf der anderen Seite eben. Aber die Bibel hat noch weitaus größere Reisepläne und Träume für uns bereit, vom Leben auf der anderen Seite. Ein paar ihrer wunderbaren Visionen haben wir eben bei der Lesung aus dem Buch der Offenbarung gehört. Das Versprechen auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, wenn alles, was wir kennen, vergangen ist. Das Versprechen auf einen ganz besonderen Ort, eine heilige, wunderbare Stadt nämlich, in der die Menschen in Harmonie miteinander zu leben verstehen.

Und in der Gott mitten unter ihnen wohnt, greifbar und begreifbar und ganz nah. In der Bibel wird gesagt, dass Gott selbst uns dann trösten wird, wie einen seine Mutter tröstet, dass er uns als seinen Kindern alle Tränen abwischt von unseren Augen und wir aufhören können zu weinen im Bewusstsein, dass jetzt alles gut ist. Denn er ist ja da. Das Versprechen, dass es keinen Tod mehr geben wird, kein Leid, keine Traurigkeit, keinen Schmerz. Eine größere Hoffnung kann es nicht geben. Ein helleres Licht als dieses könnte niemand in die vielfältigen Dunkelheiten dieser Welt schicken. „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis sondern wird das Licht des Lebens haben“, hat er einmal gesagt, unser Gott, als er gerade hier war bei uns, auf dieser Seite der Zeit. Als er in seinem Sohn, Jesus Christus, als einer von uns unter uns wohnte, lebte und wirkte, um uns einen Vorgeschmack auf den Himmel zu geben und uns dahin einzuladen.

Und etwas später, wissend, dass er selbst bald an der Reihe sein würde mit dem Leiden und Sterben, da hat er noch etwas von allergrößter Bedeutung gesagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ (Joh 11,26). „Glaubst du das?“ So endet Jesus. Es ist seine Frage an uns. Es ist die alles entscheidende Frage an uns. Glauben

Sie an ihn? Dass er die Auferstehung und das Leben ist? Und dass das ganz wesentlich etwas mit unserem eigenen Leben und Sterben zu tun hat?

Vielleicht ist heute ein guter Tag, dass noch einmal zu bedenken vor dem Hintergrund dessen, was Sie in diesem Jahr erlebt haben. Ich kann Ihnen nur sagen: Ich für meinen Teil glaube das. Und ich wünsche Ihnen heute von ganzem Herzen, dass Sie das auch glauben können. Denn das Licht, dass von Jesu Worten ausgeht, das strahlt noch in die finsterste Todesnacht hinein, wie ein Polarstern, an dem wir uns orientieren können, wenn wir in den Stürmen des Lebens unterzugehen drohen. Es weist uns schon hier und heute den Weg in sein Reich, in seine Ewigkeit. Dahin, wo alles gut ist, so wie damals, ganz am Anfang, als Gott aus dem Chaos schon einmal Himmel und Erde geschaffen hat und mit dem Menschen im Paradies lebte. Damals bevor die Menschheit sich entschied, es auf sich gestellt und ohne Gott zu versuchen und so, in dieser frei gewählten Gottesferne, unweigerlich dem Leid begegnete. „Sieh hin. Ich mache alles neu!“ sagt Gott in der Offenbarung, ganz am Ende der Bibel. Und wir beginnen zu ahnen, das ist nicht das Ende. Bald, ganz bald, wird es hell.

„Achtet auf das Wort als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis dass der Tag anbricht und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.“
(2 Petrus 1,19)

 Und der Friede Gottes…

 Es gilt das gesprochene Wort.

 

Nachspiel von Kantorin Beate Ihrig und Pianistin Sharon Stanley am Klavier -vierhändig-