Predigt vom Reformationstag 31.10.2025 von Pfarrerin Dr. Anneke Peereboom
„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen“.
Liebe Gemeinde!
Dietrich Bonhoeffer, hielt im Herbst 1932 in Berlin eine Predigt zum Reformationsfest, in Anwesenheit von Reichspräsident Paul von Hindenburg. Er bezog sich darin auf einen Bibelvers aus der Offenbarung, Kapitel 2 (4-7) wo es sinngemäß heißt:
„Doch einen Vorwurf muss ich dir machen: Du liebst mich, deinen Gott, nicht mehr wie am Anfang. Erinnerst du dich nicht, wie es damals war? Wie weit hast du dich davon entfernt! Kehr um und handle wieder so wie am Anfang!“
Bonhoeffer sagte damals in seiner Predigt:
„Die protestantische Kirche begeht heute ihren Tag. Es gehört zu ihren herkömmlichen Obliegenheiten zu protestieren. Wogegen sie protestiert, das kann sehr verschieden sein; aber protestieren muss sie – also diesmal Protest gegen den Säkularismus in Gestalt der Gottlosigkeit. Protest gegen alle enge Bindung, gegen Dogma und Autorität, Protest für die Freiheit des Denkens und des Gewissens, des Individuums; Protest gegen Unsitte und Unglaube; Protest gegen alle, die nicht in der Kirche sind, die also von dem Protest wenig Notiz nehmen, das heißt der Tag des Protestantismus!
Wie leicht, wie selbstgewiss können wir protestieren, und wir haben ein verbrieftes Recht darauf. Welch herrlicher Tag.
„Wir protestieren!“ schreien wir; Gott jedoch spricht: „Doch einen Vorwurf muss ich dir machen…“ Das heißt: Gott protestiert; gegen wen? Gegen uns und unseren Protest! Hören wir’s denn nicht? Protestantismus heißt nicht unser Protest gegen die Welt, sondern Gottes Protest gegen uns: „Doch einen Vorwurf muss ich dir machen…“ Aber wir verstellen uns. Wir wissen im Grunde ganz gut, dass nicht dieses: Eine feste Burg, nicht dieses: Hier stehe ich; nicht dieser Protest gemeint ist. Wir wissen ganz gut um den Protest Gottes gegen uns; wir wissen, dass gerade der Reformationstag der stärkste Feldzug Gottes gegen uns ist. Aber wir wollen es nicht wahrhaben, nicht vor uns und nicht vor der Welt. Wir haben Angst, wir sind diesem Angriff, diesem Protest, nicht gewachsen… Wir haben keine Zeit mehr zu solchen feierlichen Kirchenfesten, in denen wir uns vor uns selbst darstellen, wir wollen nicht mehr so Reformation feiern!
Lasst dem toten Luther endlich seine Ruhe und hört das Evangelium, lest seine Bibel, hört hier das Wort Gottes selbst. Gott wird uns am Jüngsten Tage gewiss nicht fragen:
Habt ihr repräsentative Reformationsfeste gefeiert?, sondern: Habt ihr mein Wort gehört und bewahrt?“
Tja, was soll ich sagen. Touché. Treffer. Versenkt. Ertappt – so habe ich mich zumindest gefühlt, als ich diese Zeilen gut 90 Jahre später las. Und auch irgendwie erstaunt, über etwas, das man doch eigentlich weiß und immer wieder zu vergessen droht. Bestürzt über den eigenen Stolz, der auch so gerne über andere urteilt und richtet, der auch gerne gegen diese Welt und ihre Schlechtigkeit protestiert, genau wie Bonhoeffer es skizziert – gegen ihren Unglauben und ihre Selbstherrlichkeit. Zurecht-gerückt fühle ich mich, weil es ja zugleich meine eigene Selbstherrlichkeit trifft, die sich erst zum Richter aufschwingt. Die sich selbstbewusst an einem Tag wie heute freut, einer Kirche anzugehören, die sich alles Mögliche auf die Fahnen schreibt und gegen den Status quo protestiert – und dabei völlig vernachlässigt, dass sie selbst angefochtener Teil des Status quo ist. Schon Bonhoeffer schreibt in seiner Predigt an anderer Stelle, „dass wir in der 12. Stunde der Lebenszeit unserer evangelischen Kirche stehen, dass uns also nicht mehr viel Zeit bleibt, bis es sich entscheidet, ob es aus ist mit unserer Kirche oder ob ein neuer Tag beginnt“. Nur wem vor seiner eigenen Zukunft Angst sei, der müsse sich am Reformationstag Mut machen mit großen, lauten Worten aller Art und Fanfarenstössen. Wenn sie ehrlich sei, wisse die Kirche der Reformation heimlich sehr wohl um den Abgrund, der sie von der Reformation trenne.
Luther sei fürwahr, so Bonhoeffer, „mit Zittern und Zagen, vom Teufel bis in die letzte Stellung zurückgedrängt gewesen“, als er sein: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ gesagt hat. Wir könnten Selbiges nicht behaupten – denn wir, Zitat, „können anders, wir sollen jedenfalls anders können, und es wäre wahrhaftig ein schlechter Ruhm vor Gott und vor den Menschen, wenn wir nur so und nicht anders könnten. Keiner von uns hat die letzte Position bezogen, aus der heraus er nur noch im Gebet zu Gott sagen kann: ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Wir können und sollen anders.“
Sagt Bonhoeffer und ich fühle mich unmittelbar herausgefordert, gefordert, und neu-orientiert. Ein bisschen von all dem eben Skizzierten, habe ich empfunden, als ich diese Reformationspredigt über 90 Jahre nach ihrer Entstehung zur Hand nahm. So, als habe Bonhoeffer nicht nur seinen Zeitgenossen, sondern auch uns noch einmal posthum ins Gewissen geredet. Ging´s Ihnen auch so?
Wenn wir uns mit Dietrich Bonhoeffer beschäftigen, dann ja nicht selten mit seinem Tod. Als neuzeitlicher Märtyrer ist er für seine konsequent bis zum bitteren Ende gelebte Nachfolge Jesu Christi gestorben. Er hat am Schluss tatsächlich die eben zitierte letzte Position bezogen, aus der heraus einem nichts mehr bleibt als das Gebet: „Ich kann nicht anders. Gott helfe mir.“
Am 9. April 1945 hat man Bonhoeffer bekanntlich im KZ Flossenbürg aufgrund seines Widerstandes gegen Hitler und die Nationalsozialisten erhängt – zwei Wochen bevor das Lager von den Amerikanern befreit wurde. Bonhoeffer starb, weil er – anders als viele andere Christinnen und Christen in seiner Zeit – die Verantwortung nicht floh, in die ihn sein Glaube zog. Nicht, dass er nicht gefragt, nicht gehadert, nicht geklagt und gelitten hätte – seine aus der Haft erhalten gebliebenen Briefe an Freunde und Familie legen ein beredtes Zeugnis davon ab. Aber in aller Bitterkeit und in aller Verzweiflung wusste er sich doch von seinem Gott gehalten. Sein berühmtestes Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ erzählt davon:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“
Bewundernswert … diese Zeilen aus der Haft, im Angesicht des Todes. Diese absolute Gewissheit. Diese Klarheit. Dieses Noch-Ganz-bei-Trost-Sein, ganz gleich, wie trostlos die Umstände erscheinen. Wir lieben solche Heldengeschichten im Kampf von Gut und Böse, in Fantasyromanen wie im wirklichen Leben. Wir verehren und feiern den Mut eines Dietrich Bonhoeffer und auch den eines Martin Luther, sein „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“.
Vielleicht, weil sich darin etwas als wahr erweist, wonach wir selbst nur zögerlich tasten. Vielleicht, weil es ermutigt zu sehen, dass der Glaube an Jesus Christus real und konkret der tragende Grund sein kann, von dem uns die Bibel Zeugnis ablegt, der tragende Grund, selbst wenn der Untergang droht, in höchster Bedrängnis. Die feste Burg, in einer Welt, die untergeht. Aber beiden, Luther wie Bonhoeffer, wäre es zuwider gewesen, als Heilige verehrt zu werden. „Lasst dem toten Luther endlich seine Ruhe und hört das Evangelium, lest seine Bibel!“ rief Bonhoeffer den Menschen in seiner Reformationstagspredigt zu.
Wir sollen also nicht an anderen bewundern, was uns selber an Konsequenz oder Größe fehlt, sondern uns von dem leiten lassen, was ihnen Orientierung und Klarheit geschenkt hat auf ihrem Weg. Und dafür, liebe Gemeinde, ist nicht der Tod des Dietrich Bonhoeffer interessant. Denn seine Gewissheit kommt nicht im Tod. Sie kommt im Leben. Und sie ist auch nicht das Ergebnis von besonderem Helden- und Edelmut, sondern von Glauben. Einem Glauben, freilich, der nicht halbherzig gelebt und zu besonderen Festtagen erinnert wird, sondern der Entscheidungsgrundlage ist – kompromisslos und unbestechlich. Einem Glauben, der Tag für Tag neu in der Nachfolge Jesu erprobt wird, Scheitern inbegriffen. Der, auch wenn die letzte Position erreicht ist, noch treu bleibt.
Die uns Nachgeborene so faszinierende Klarheit eines Martin Luther, eines Dietrich Bonhoeffer, und noch so mancher anderer wächst und reift im Hören auf Gottes Wort. Im Gebet. In der Begegnung mit Gott und mit dem Nächsten. Sie wird im Geist, im Herz erfasst und im Handeln erprobt. Immer wieder. Sie wird errungen. Abgetrotzt. Erstritten. Geboren werden wir damit nicht. Sie ereilt uns auch nicht einfach so bei unserem letzten Atemzug. Glaubensgewissheit fällt nicht vom Himmel. Ob Gott eine „feste Burg“ ist und ob wir „von guten Mächten wunderbar geborgen“ sind, entscheidet sich im Leben und auch in unseren Entscheidungen, in den Wegen, die wir gehen wie in denen, die wir nicht gehen.
Der 1906 in Breslau als sechstes von acht Kindern geborene Dietrich Bonhoeffer war ein junger Mann aus gut bildungsbürgerlichem Hause. Ein gefeierter Theologe, der bereits im Alter von 21 Jahren den Doktortitel erwarb und nur drei Jahre später, 1930, seine Habilitation abschloss. Damals war er noch zu jung, um in den Pfarrdienst ordiniert zu werden. So ging er erst einmal für ein weiteres, durch ein Stipendium ermöglichtes Studienjahr an das berühmte Union Theological Seminary in New York. Nach seiner Rückkehr, im Herbst 1931, nahm Bonhoeffer dann seine Lehrtätigkeit als Privatdozent an der Berliner Theologischen Fakultät auf.
Er war ein Intellektueller, einer der im akademischen Elfenbeinturm hätte wohnen bleiben können. Einer der aus sicherer Distanz die politischen Verhältnisse in Deutschland hätte kritisch analysieren und sein Handeln mit Vernunftgründen gut hätte rechtfertigen können – im Herbst 1933 saß er bereits wohlbehalten als Auslandspfarrer in London und nichts und niemand zwang ihn, in ein Deutschland zurückzukehren, in dem ihn mit Sicherheit nichts Gutes erwartete. Nichts – als sein Gewissen. Nichts als der mitunter verzweifelte Versuch seinem Herrn nachzufolgen. In diese frühen dreißiger Jahre fällt die „Wendung vom Theologen zum Christen“, wie Bonhoeffers Freund Bethge später schreibt. Der gestandene Theologiedozent findet in diesen Jahren in den Prüfungen der politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Situation noch einmal einen ganz neuen Zugang zur Bibel, vor allem zur Bergpredigt und entwickelt mit ihrer Hilfe ein Denken, das oft als „Reise in die Wirklichkeit“ beschrieben worden ist. Bonhoeffer begegnet den immensen Herausforderungen und Zumutungen seiner Zeit, indem er seine Entscheidungen ohne wenn und aber am Wort Gottes orientiert, das ihm gleichermaßen Zuspruch wie Anspruch ist. Dabei wird immer klarer: Christsein ist nicht die religiöse Sahne auf dem Kaffee unseres Lebens – es kostet uns etwas, das ganze Leben an Gottes Willen auszurichten.
Alles andere, so schreibt Bonhoeffer in der „Nachfolge“, dem meist rezipierten Buch eines deutschen Theologen im 20. Jahrhundert, ist nur „billige Gnade“ – verschleuderter Trost ohne Preis, ohne Kosten. „Billige Gnade“ ist, so Bonhoeffer, nichts anderes als „die Gnade, die wir mit uns selbst haben“, weil das Leben so schwer und die Umstände so kompliziert sind. Ja, wir werden gerecht allein aus Glauben und nicht aus unseren guten Werken, aber diese reformatorische Urerkenntnis kann und darf nicht bedeuten, das Handeln einzustellen. Christlicher Glauben heißt unweigerlich, so gut als irgend möglich in der Nachfolge Jesu zu leben. Bonhoeffer schreibt: „Nachfolge Jesu ist nicht die verdienstliche Sonderleistung Einzelner, sondern göttliches Gebot an alle Christen“. Es ist nicht gleichgültig, was wir tun. Gewiss, es wird nie ausreichen, um damit das Heil zu verdienen oder Gnade zu erwirtschaften. Aber wem es mit der Gnade Gottes ernst ist, der muss sich und sein Leben verändern lassen und öffentlich Position beziehen – ich glaube, man kann sagen: Koste es, was es wolle! Deswegen ist recht verstandene Gnade, ist das Vertrauen auf Gottes Liebe und Güte, niemals billig, keine Schleuderware, sie hat ihren Preis. Sie ist teuer. Sie ist der verborgene Schatz im Acker, wegen dem wir alles verkaufen, was wir haben – u.U. nicht nur unsere Komfortzone sondern auch unsere Sicherheit, unseren Wohlstand. Unter Umständen das Leben.
Bonhoeffer war sich dessen sehr früh nur allzu bewusst. Er schreibt 1937 in der „Nachfolge“: „Teure Gnade ist das Evangelium, das immer wieder gesucht, die Gabe, um die gebeten, die Tür, an die angeklopft werden muss. Teuer ist sie, weil sie in die Nachfolge ruft, Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft; teuer ist sie, weil sie dem Menschen das Leben kostet, Gnade ist sie, weil sie ihm so das Leben erst schenkt. (…) Teuer ist die Gnade vor allem darum, weil sie Gott teuer gewesen ist, weil sie Gott das Leben seines Sohnes gekostet hat,… und weil uns nicht billig sein kann, was Gott teuer ist. Gnade ist sie vor allem darum, weil Gott sein Sohn nicht zu teuer war für unser Leben, sondern ihn für uns hingab.“
Ein folgenloses Christsein ist kein Christsein. Punkt. Wer sich von Gott ansprechen lässt – im Lesen der Bibel wie auch im Gebet, der wird unweigerlich auch auf seine Verantwortung hin angesprochen. So wie Dietrich Bonhoeffer in seiner Reformationstagspredigt aus dem Jahr 1932 seine Kirche, die Menschen in seinem Land, den Reichspräsidenten auf ihre Verantwortung hin ansprach – wenige Monate vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Die Welt sei nicht erst jetzt ein Problem, lässt Luther sie wissen – Luther und die Reformatoren wussten auch schon, dass sie schlecht ist. Ebenso wie die ersten Christen, die zusahen, wie ihr Herr gekreuzigt wurde. Aber wir müssten wieder von ihnen lernen, dass Gott die Welt in Jesus Christus überwunden hat und ihn und einander darum lieben. Wenn wir eine Kirche der Reformation sein wollten, dürften wir nicht vor allem danach trachten zu feiern, zu repräsentieren, Einfluss zu erstreben, Wohlfahrtsdienste zu leisten, Jugendpflege und „Gottlosenpropaganda“ – das seien die zweiten und dritten, nicht aber die ersten Werke. Das sei: „Gott lieben und den Bruder lieben mit jener ersten, leidenschaftlichen, brennenden, alles nur Gott nicht aufs Spiel setzenden Liebe“ und sich darum Gott ganz in den Dienst zu stellen. Bonhoeffers Schlussworte seien heute auch die meinen: „Die Zukunft ängstigt uns. Aber die Verheißung tröstet uns. Selig, wer zu ihr berufen ist. Und wenn ihr nun aus der Kirche geht, so denkt nicht, das war eine schöne oder schlechte Reformationsfeier, sondern lasst uns hingehen und nüchtern die ersten Werke tun. Gott helfe uns. Amen.
Es gilt das gesprochene Wort.
