Predigt „Über das Schenken“
Inspiriert von der Folge „Geschenkneurosen“ im Podcast „Rätsel des Unbewussten“
Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.
Liebe Gemeinde!
Und wie lief es bisher so für Sie mit Weihnachten? Zufrieden? Oder noch ausbaufähig? (=> Kurze Stimmungsanzeige, Daumen hoch, runter…) Und die Geschenke? War was dabei? Haben Sie das bekommen, was Sie sich gewünscht haben? Wurden Ihre Erwartungen am Ende gar übertroffen? Oder haben Sie eher im Stillen gedacht – na, der hätte sich das Schenken auch besser schenken können? Vielleicht wurden Sie am Ende ja auch gar nicht bedacht von jemandem, von dem Sie das eigentlich erwartet hatten. Beim Schenken ist ja alles drin.
Weihnachten ist das große Fest des Schenkens und des Beschenkt-Werdens. Peter Hahne, Fernsehmoderator und Autor, konstatiert nicht zu Unrecht: „Alle Jahre wieder kommt, so sicher wie die Grippewelle im November, die Kauf-Epidemie im Dezember. (…) Die Hetze beim Einkaufen. Die Qual beim Aussuchen. Die Zweifel über die getroffene Wahl. Das Geldausgeben… Kurzum: Diesen ganzen Konsumterror nach der Melodie „Süßer die Kassen nie klingen als zu der Weihnachtszeit“!“ Er uns seine Familie hätten, genervt vom „Stille-Nacht-Gedudel“ in den Kaufhäusern und den ganzen sinnlos oberflächlichen „S-Geschenken“ – Socken, Schlips, Süßigkeiten – deshalb sogar einmal die Entscheidung getroffen, damit Schluss zu machen und sich an Weihnachten gar nichts zu schenken. Die ganze Familie sei einverstanden gewesen, um „unbelastet und ungestört vom Warencharakter (Waren ohne h!) zum wahren (mit h!) Charakter des Weihnachtsfestes zurückzukehren.“ Denn darauf folgenden 24. Dezember werde er sein Lebtag nicht mehr vergessen: „Baum geschmückt, Christvesper besucht, Kerzen angezündet, Lieder gesungen, Weihnachtsgeschichte gelesen, vom Teller genascht, Augen gerieben, vom Donner gerührt… Denn unter dem Tannenbaum lag ein breites Sortiment diverser Päckchen in verschiedenen Größen, weihnachtlich eingewickelt und golden verschnürt.
Der Vorschlag totaler Geschenkeverweigerung war ein totaler Flop. Niemand aus der Familie hatte sich daran gehalten. Und das war auch gut so!“
Weihnachten ist das große Fest des Schenkens und des Beschenkt-Werdens – schon in der allerersten Version damals vor 2000 Jahren in Bethlehem. Was wäre gewesen, wenn Gott sich da das Schenken geschenkt hätte? Dann gäbe es Jesus Christus nicht, keine Rettung, keine Erlösung, keine Vergebung, nicht das Kind, das später als Mann einmal für Wahrheit und Weg, für Leben und Licht, für Heil und Hoffnung stehen sollte. All das würde fehlen, und wir Menschen gingen immer noch im Dunkeln angstvoll in die Irre, weil kein leuchtender Stern über dieser Welt aufgegangen wäre mit der frohen Botschaft: „Fürchtet euch nicht, denn Euch ist heute der Heiland geboren!“ Die Welt ohne Jesus, ohne den Mann, nach dem die Jahre gezählt werden? Unvorstellbar! Die Welt ohne das Geschenk Gottes aus der Ewigkeit, mit dem die Zeitenwende begann und die Liebe Hand und Fuss bekam? Unvorstellbar! Peter Hahne kommt denn auch zu folgendem Schluss beim Nachdenken über sein kleines Familienexperiment, sich das Schenken an Weihnachten zu schenken: „Wenn Gott sich das Schenken geschenkt hätte, wären wir bettelarm.“
Wir wären immer noch auf der sehnsuchtsvollen Suche, hätten wir das Wort der Hirten und der Weisen von Bethlehem nicht: „Wir haben gefunden, gehört UND gesehen!“ Wer einmal an der Krippe war, geht als Beschenkter zurück in seinen Alltag. Wir feiern Weihnachten, weil Gott uns das größte Geschenk überhaupt macht: Sich selbst. In seinem Sohn, dem Heiland, dem Retter. Aber wie bei jedem Geschenk braucht auch dieses eine Antwort – jemanden, der es annimmt. Antworten können wir in doppelter Weise – einmal indem wir ihm auch etwas schenken: Nämlich unser Herz. Wenn wir ihm im Gegenzug unser Leben geben, so wie wir es im Advent singen: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, mein´s Herzenstür dir offen ist…“ Und zum anderen, indem wir uns untereinander einen Abglanz dieses ganz großen Weihnachtsgeschenks weiterschenken: Aneinander denken, füreinander danken. Hahne schreibt: „Wer sein Herz an Jesus verliert, der hat das Leben gewonnen. Deshalb kann man gar nicht anders, als das seiner Umgebung mitzuteilen. Das geschieht im konkreten Mit-Teilen, im Weitergeben und Schenken.“Nein, wir sollten uns das Geben nicht nehmen lassen. Ganz bestimmt nicht am großen Tag des Schenkens und Beschenktwerdens – an Weihnachten.
Das war wahrscheinlich auch einer der Hauptgründe dafür, dass Martin Luther, der sich von Gott mit seiner Gnade so reich beschenkt fühlte, sich so dafür eingesetzt hat, dass wir uns und unseren Kindern an Weihnachten Geschenke überreichen – vor der Reformation hat man das, wie in einigen Ländern immer noch üblich, traditionell am Tag des Heiligen Nikolaus getan, ohne Zweifel auch ein großer Schenker vor dem Herrn.
Halten wir an dieser Stelle für einen Moment inne und stimmen ein in Luthers vielleicht berühmtestes Weihnachtslied: „Vom Himmel hoch da komm ich her“…
Lied: „Vom Himmel hoch“ (EG 24,1-4.15, Weihnachtsliederbuch ???)
Weihnachten ist das große Fest des Schenkens und Beschenktwerdens. Gott hat es vorgemacht, wir folgen ihm im besten Sinne nach, wenn wir uns das Schenken nicht schenken. Manchmal stellen wir uns dabei freilich nicht besonders geschickt an, es fällt uns bspw. schwer das richtige Geschenk auszuwählen oder es will auch beim Beschenktwerden keine rechte Weihnachtsfreude aufkommen, weil wir irgendwie etwas anderes erwartet haben. Deshalb noch einige eher psychologische Gedanken über das Schenken.
(Ich habe mich dazu von einer Podcastreihe inspirieren lassen, die ich sehr gerne höre – „Rätsel des Unbewussten“ heißt sie. Und dort gab es mal eine Weihnachtsfolge über Geschenke. Sie hat mir in einigen Dingen die Augen geöffnet, wo der Haken beim Schenken und Beschenkt-Werden liegt und mir einmal mehr offenbart, wie achtsam und liebevoll unser Gott ist – das dann die theologische Schlussfolgerung am Ende.)
Machen wir uns Folgendes klar: Ein Geschenk ist nicht einfach ein bloßer Gegenstand, sondern hat immer auch eine emotionale Bedeutung. Wer einem anderen etwas schenkt, schenkt nicht nur einen Gegenstand, sondern auch einen Teil des Selbst, schenkt sich gleichsam mit dem Geschenk mit. Wer beschenkt wird, erhält nicht nur einen Gegenstand, sondern macht eine emotionale Erfahrung mit dem anderen.
Schenken ist deshalb eine emotional bedeutsame Beziehungssituation. Dies gilt nicht nur für jene mitunter heiklen Stunden am weihnachtlichen Familientisch, sondern gleichsam für das ganze Leben. Das zumindest in psychischer Hinsicht Wichtigste können wir nämlich nicht erwerben, sondern immer nur geschenkt bekommen – Liebe oder Freundschaft.
Um zu verstehen, was Schenken in psychologischer Hinsicht bedeutet, ist es sinnvoll, es vom Tauschen zu unterscheiden. Tauschen bedeutet, dem anderen etwas zu geben, wofür man eine Gegenleistung erhält. Auf der Beziehungsebene ist der andere dabei nur Mittel zum Zweck. Das Schenken dagegen beruht, zumindest der Idee nach, darauf, dass keine Gegenleistung in Rechnung gestellt wird. Was nicht bedeutet, dass sich nicht auch bestimmte mehr oder minder bewusste Erwartungen an ein Geschenk heften. Im Unterschied zu einem Tauschhandel wird dem anderen bei einem Geschenk immer auch eine emotionale Botschaft mitgegeben, auf die es eigentlich beim Schenken ankommt und für die der überreichte Gegenstand nur das Mittel zum Zweck ist: Wertschätzung, Dankbarkeit, Liebe, Anerkennung.
Das Schenken erfüllt sich darin, in den Worten Theodor Adornos, sich das Glück des anderen zu imaginieren, ohne etwas dafür zu wollen – sein Glück also allein im Glück des anderen zu haben. Das heißt, so Adorno „wählen, Zeit aufwenden, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken: das Gegenteil von Vergeßlichkeit. Eben dazu ist kaum einer mehr fähig. Günstigenfalls schenken sie, was sie sich selber wünschten, nur ein paar Nuancen schlechter.“ Adorno konstatiert einen „Verfall des Schenkens“.
Er spiegle sich in der „peinlichen Erfindung der Geschenkartikel, die bereits darauf angelegt sind, dass man nicht weiß, was man schenken soll, weil man es eigentlich gar nicht will. Diese Waren sind beziehungslos wie ihre Käufer.“ Adorno hat da echt einen Punkt, finde ich. Wenn Probleme beim Schenken und Beschenktwerdenauftauchen, dann sagen die oft auch etwas über die Beziehung aus. Ein paar Beispiele:
1) Keine Ideen haben
Was soll ich dieser Person nur schenken? Man kommt auf nichts, was ihr Freude bereiten könnte. Die Ideenlosigkeit könnte eine Symptom sein, dass man sich in emotionaler Hinsicht gerade nicht besonders nahe steht – dass man gar nicht so genau weiß, was ihm anderen vorgeht, was ihn beschäftigt, was auf ihm lastet etc. Oder aber mir als Schenkendem fehlt es an Raum und Zeit, in dem der andere und seine Wünsche überhaupt erst einmal Platz finden. Schenken braucht immer Zeit, Muße und ein gewisses träumerisches Ahnungsvermögen – die muss ich mir erst mal einräumen. Ist mir der andere das wert? Vielleicht ist die Tür aber auch von der anderen Seite versperrt. Der zu Beschenkende lässt nicht zu, dass man Zutritt zu seinen Wünschen gewinnt. Er schließt sich ab.
2) Beziehungsloses Schenken
Hier verfehlt der Schenkprozess eine emotionale Begegnung vollständig. Das Geschenk trägt keine Spuren jener phantasierten Berührung mit dem anderen, ist nicht persönlich, sondern beliebig. Sinnbildlich sind hier die von Adorno angeführten „Geschenkartikel“, die dem Käufer gerade jene Herausforderung der Imagination abnehmen, aber damit auch den Geist des Besonderen verlieren. Oder es wird mühsam versucht, über Äußerlichkeiten eine Individualisierung herzustellen: Etwa die Gravur eines Namens. Bei einigen Arten von Beziehung ist ja das völlig legitim – bspw. bei Arbeits-beziehungen, denen per se eine gewisse Distanz anhaftet. In anderen Fällen wirkt ein solches Geschenk aber unangenehm unpersönlich und ent-täuscht nicht selten den Beschenkten – insofern er sich in dem Intimitätsgrad der Beziehung ge-täuscht fühlen mag.
3) Der Wettlauf um das größte Geschenk oder narzisstisches Schenken
Das Überhäufen mit Geschenken kann auch ein unbewusster Versuch sein, jene beschriebene Beziehungslosigkeit zu kompensieren. Es geht gewissermaßen um den mithin verzweifelten Versuch, durch Quantität oder hohe Geldausgaben, jenen Moment des Bedeutsamen zu erzwingen.
Oder aber Glitzer über Leere oder Konflikte zu werfen und sie damit zu kaschieren.
Im Wettlauf um das größte Geschenk kann aber auch ein narzisstischer KonfliktGestalt gewinnen. Man schenkt, um den anderen zu zeigen, was man alles schenken kann. Es geht dann bei diesem Schenken primär um die Sehnsucht nach Anerkennung. Das Schenken soll vor allem den Schenkenden selbst beglücken. Im schlimmsten Fall ist das Gegenüber als Individuum nicht gemeint, sondern eher ein Mittel zum Zweck.
Wir halten fest: Probleme beim Schenken entstehen vor allem dann, wenn mit einem Geschenk eine negative Aussage über die dahinter stehende Beziehung verbunden ist – weil es bspw. Desinteresse verrät, mangelnde Empathie oder sogar versteckte Aggressionen enthalten kann (bspw. wenn man sein eigenes Geschenk vom letzten Jahr wieder zurück geschenkt bekommt). Wenn die Beziehung nicht stimmt, dann kann Weihnachten als das große Fest des Schenkens und Beschenkt-Werdens zur Belastung werden – insofern es etwas offenbart, was sonst mehr oder minder unter der Decke bleibt – nämlich eine gewisse Lieblosigkeit bzw. Gleichgültigkeit dem anderen gegenüber.
Jedem wirklichen Geschenk wohnt immer eine Liebesbotschaft inne. Das Geschenk soll sagen, wie sehr der anderen einem am Herzen liegt – durch seine Originalität, Wertigkeit oder Aufmerksamkeit. Vielleicht einfach dadurch, dass ich mir Zeit für den anderen genommen habe, innegehalten habe und mir Gedanken über ihn und unsere Beziehung gemacht habe – präsent war. Für den anderen gegenwärtig sein ist immer ein Geschenk – vielleicht heißt es deshalb auf Englisch auch „present“. Natürlich ist in einem solchen Geschenk in der Regel auch immer die rückwärtige Botschaft mit enthalten. Ich wünsche mir, dass auch du mich so sehr liebst, dass du präsent bist in meinem Leben – ein „present“. Auf einer emotionalen Ebene schenkt man sich mit einem Geschenk immer auch ein Stück weit selbst, in der Hoffnung, vom anderen angenommen zu werden. Dies ist dann auch das Beglückende, wenn das Schenken gelingt.
Weihnachten ist das große Fest des Schenkens und Beschenkt-Werdens. Weil wir da Gott als Schenkenden genau so erfahren können. Er hat innegehalten und sich über unsere Beziehung zu ihm Gedanken gemacht. Er ist in jeder nur möglichen Weise „präsent“ geworden, „present“, und hat sich uns selbst geschenkt. Mit Haut und Haar.
Jesus Christus war, ist und bleibt in jeder nur erdenklichen Weise das „passende“ Geschenk Gottes für eine friedlose, hasserfüllte, ungerechte und mitunter auch ziemlich freudlose und lieblose Welt. Denn er bringt uns Friede, Gerechtigkeit, Hoffnung und Liebe im Übermaß. Er ist die Liebeserklärung Gottes in Person. Und ich bin sicher, auch dieses Geschenk kommt verpackt in die Frage: „Liebst du mich auch? Schenkst Du mir etwas von deiner Zeit, Kraft, Liebe und Aufmerksamkeit?“ Denn eine Beziehung lebt von der Gegenseitigkeit. Auch die zu Jesus Christus.
Vielleicht können wir es ja beim Schenken mit Joachim Ringelnatz halten, der einmal gedichtet hat:
„Schenke herzlich und frei. Schenke dabei, was in dir wohnt, an Meinung, Geschmack und Humor.
So dass die eigene Freude zuvor dich reichlich belohnt.
Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk, dass dein Geschenk du selber bist.“
Oder mit Martin Luther:
„Wer Gutes tun will, muss es verschwenderisch tun.“
Liebe Gemeinde, verschwenden Sie sich an Gott! Weiser könnten Sie Ihr Herz nicht investieren!
„Es gilt das gesprochene Wort!“
Audioversion:
