Predigt von Pfarrerin Dr. Anneke Peereboom – Christmette (24. Dezember 2025)
Liebe Gemeinde! „Wie die Jungfrau zum Kinde kommen …“ sagen wir manchmal. Wenn etwas ganz unverhofft und ohne unser Zutun mit uns geschieht. Wenn wir etwas auf völlig unerklärliche, wunderbare Weise erhalten oder zu etwas gelangen, wozu wir nichts von uns aus beigetragen haben. Vielleicht haben Sie das ja auch schon einmal erlebt … das sie bei etwas wie die Jungfrau zum Kinde kamen? Dass ihnen etwas einfach so in den Schoß gefallen ist.
Unser Predigttext heute am zweiten Weihnachtstag erzählt, wie die junge Frau Maria, die laut Lukasevangelium „von keinem Manne wusste“ ein Kind empfangen hat. Viele von uns kennen diese Geschichte. Auch ist sie zu einem Teil unseres christlichen Glaubensbekenntnisses geworden – „empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria …“
Predigttext: Matthäus 1, 18 – 25
18 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. 19 Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen. 20 Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. 21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. 22 Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: 23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns. 24 Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. 25 Und er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.
Lied „Es ist ein Ros´entsprungen“ (EG 30/Liederbuch S.9; Strophe 1)
„Die Geburt Jesu Christi geschah aber so“, beginnt Matthäus. Um dann allerdings gar nicht von der Geburt zu erzählen, sondern ihre Vorgeschichte.
Maria, die Verlobte von Josef, wird schwanger. Aber nicht von Josef. Sondern: vom Heiligen Geist. Wundersam, nicht zu verstehen und unerklärlich. Auch für Josef.
Der sich wahrscheinlich seine Gedanken macht, Maria aber nicht bloßstellen möchte. Seine Lösung: Sie heimlich verlassen. Denn jetzt noch bei ihr zu bleiben, geht für ihn gar nicht.
Gottes Engel muss eingreifen. Erscheint Josef im Traum und klärt ihn auf. Nein, Maria war dir nicht untreu. Gott selbst ist zu ihr gekommen. Sie hat empfangen durch den Heiligen Geist. Ihr Sohn wird der verheißene Retter sein. Darum soll er Jesus heißen. Bleibe bei ihr, nimm sie zu dir! Und gib dem Kind seinen Namen: Jesus – Gott rettet.
Wie die Jungfrau zum Kind – so wird Josef zum Vater, unverhofft, ohne sein Zutun …
Liebe Gemeinde, was machen wir heute nur damit, mit dieser Jungfrauengeburt? Mit dieser Geschichte aus einer anderen Zeit und Welt? Völlig konträr zu allem, was wir heute zu wissen glauben und uns vorstellen können? Was naturwissenschaftlich erklärbar und rational vermittelbar wäre? Was machen wir mit der Jungfrauengeburt, die für viele so sperrig daher kommt?
Mir zumindest ging das lange Zeit auch so. Ich habe, offen gestanden, im Glaubensbekenntnis die „Jungfrau“ einfach weggelassen und nur „empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von… Maria“ gesagt – denn ich wollte lieber schweigen als lügen. Mit dieser Sichtweise befand ich mich auch durchaus inprominenter Gesellschaft.
Seit dem Arzt Celsus im 2. Jahrhundert nach Christus und verstärkt seit dem Zeitalter der Aufklärung lehnten Menschen die biblische Vorstellung ab, Maria sei wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. So äußert sich etwa die prominente Theologin Margot Kässmann in einem Weihnachts-Interview auf die Frage nach der Jungfrauengeburt wie folgt: „Da bin ich ganz Theologin des 21. Jahrhunderts. Ich glaube, dass Maria eine junge Frau war, die Gott vollkommen vertraut hat. Aber dass sie im medizinischen Sinne Jungfrau war, das glaube ich nicht… Ich denke, dass Josef im biologischen Sinne der Vater Jesu war. Gott war es im geistigen.“Katholischerseits könnte man als Skeptiker gut Eugen Drewermann ins Feld führen, der davon ausging, dass die Jungfrauengeburt kein historisches Ereignis darstelle, sondern ein Mythos im Stil altorientalischer Königsvorstellungen sei: „Jesus ist als Mensch gezeugt und geboren wie jeder andere Mensch auch. Ungewöhnlich war nicht seine Geburt, sondern sein Leben.“ So Drewermann.
Untermauert werden Aussagen wie diese theologisch gerne mit einem Verweis auf die vorhin in der Schriftlesung angeklungene Weissagung des Propheten Jesaja: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären“ (Jes 7,14).
Seine Verheißung blieb dabei insofern mehrdeutig, als Jesaja zwar ein außergewöhnliches Kind ankündigte, aber in dem Satz: „Die ´almah´ wird schwanger werden und einen Sohn gebären“ ein hebräische Wort verwendete, das beides gleichermaßen bezeichnen kann – eine Jungfrau oder auch einfach eine junge Frau. Übersetzungsfehler also, postulieren manche. Aber damit gehen wir darüber hinweg, dass die Evangelisten Matthäus und Lukas die schemenhafte Ankündigung Jesajas als bei der Geburt von Jesus erfüllt und konkret geworden aufgreifen – und ihre Formulierung im Altgriechischen ist eindeutig: Der lange erwartete Retter wurde wundersamerweise von einer παρθένος (parthénos), einer Jungfrau geboren. Das biblische Zeugnis für die Jungfrauengeburt ist damit unbestreitbar.
Lied „Es ist ein Ros´entsprungen“ (EG 30/Liederbuch S.9; Strophe 2)
Die Jungfrauengeburt ist in der Tat ein Ärgernis für das moderne Denken. Ist es jedoch richtig, biblische Anschauungen als überholt wegzuschieben, weil man meint, dem modernen Menschen alle Stolpersteine aus dem Weg räumen zu müssen? Muss man dann nicht auch die Auferstehung Jesu streichen? Die Wunder, die Engel, am Ende sogar Gott selbst?
Der Schlüsselsatz bei Lukas lautet: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich!“ (Lukas 1, 37). Der Engel Gabriel setzt damit die Überschrift über das weihnachtliche Geschehen. Bei Gottes Möglichkeiten geht es nicht um Willkür, nicht um die Aufhebung der Naturgesetze, sondern um die Unbegrenztheit der göttlichen Gnade. Bezogen auf Jesus heißt dies, dass Gott bei der Empfängnis und bei der Auferstehung, zu Anfang und zu Ende seines irdischen Lebens, als Schöpfer des Lebens wirksam wird. Warum sollte Gott dazu nicht fähig sein?
Ich für meinen Teil spreche das Apostolische Glaubensbekenntnis zumindest wieder ganz, mit der „Jungfrau Maria“. Eine Brücke dazu gebaut hat mir dahin ausgerechnet das Theologiestudium. Es hat mich gelehrt, dass man nicht zwangsläufig naiv und unaufgeklärt sein muss, um diesen Teil der Weihnachtsgeschichte für sich anzunehmen.
Dazu nur ein paar kurze Gedanken, die mich damals bewegt haben: In der Antike gab es viele Mythen, die von Göttersöhnen wie Herkules handelten bzw. eine göttliche Herkunft unterstellten wie bei Alexander dem Großen. Dabei zeugte in der Regel ein Gott mit einer menschlichen Frau einen Halbgott, der über die normale Menschheit erhaben war– etwa was seine Kraft betraf.
In der biblischen Erzählung verläuft die Pointe genau umgekehrt: Dort wird der allerhöchste Gott selbst Mensch, klein, schwach und hilflos, um uns nahe zu kommen – ganz ohne Frivolität, Ehebruch oder Sensationsgier. Jesus ist denn auch kein Halbgott, der vom Heiligen Geist die göttliche, von Maria aber die menschliche Natur geerbt habe. Er ist vielmehr „wahrer Mensch“ und „wahrer Gott“ zugleich – mithin etwas, das die natürliche Schöpfungsordnung vollkommen durchbricht, das aber zwingend notwendig und absolut unerlässlich war, um seinen Auftrag in dieser Welt erfüllen zu können, nämlich uns zu retten von Sünd und Tod, wie wir gleich singen werden. Es sei gerade das „Wunder der Weihnacht“, schreibt der reformierte Theologe Karl Barth, diese „Empfängnis Christi vom Heiligen Geist bzw. seine Geburt aus Maria der Jungfrau.“ Nur so ist Jesus ganz Gott – denn er stammt von Gott. Und nur so ist er ganz Mensch – durch seine Geburt.
Lied „Es ist ein Ros´entsprungen“ (EG 30/Liederbuch S.9; Strophe 3)
„Wahr Mensch und wahrer Gott“ – eine solche Person hat es nie zuvor auf der Welt gegeben und es wird sie auch nicht wieder geben: Jesus ist absolut einzigartig!
Er ist heilig vom ersten Augenblick seiner Entstehung an, weil Gott ungetrübt in ihm aufscheint. Insofern sei zu befürchten, meint der Theologe Barth, dass jemand, der auf die Jungfrauengeburt „verzichten“ kann, vom christlichen Glauben Entscheidendes nicht begriffen habe. Ebenso urteilt der Neutestamentler Adolf Schlatter, denn letztlich gehe es bei alldem im Kern um die Gottesfrage und um Gottes Souveränität.
Einen menschlichen Anteil an diesem Offenbarungs-Geschehen braucht es nur insofern – als der Mensch sie empfangen und zu ihr einwilligen muss (so der protestantische Systematiker Wilfried Härle). Es geht weniger darum, dass wir die Jungfrauengeburt als wahr er-kennen, es geht vor allem darum, dass wir „Gottes Geheimnis“, das uns darin offenbar wird, an-erkennen. „In Anerkenntnis und im Bekenntnis der Unbegreiflichkeit dieser Wirklichkeit bezeichnen wir sie als Tat Gottes selber, Gottes ganz allein,“ schreibt bspw. der reformierte Theologe Karl Barth. Gottes Tat – Gottes Aktivität. Wir sind aktiv allein in unserer Zustimmung.
Maria und Josef machen es uns idealtypisch vor: Maria willigt in den göttlichen Auftrag an sie ein: „Mir geschehe, wie du gesagt hast“ (Lukas 1,38). Dieses ihr Ja ist Voraussetzung zu allem, was sie später mit Jesus erlebt.
Ebenso bei Josef: Er soll sich nicht fürchten, Maria zu sich zu nehmen, lässt ihn, den zutiefst Verunsicherten, der Engel im Schlaf wissen – und Josef trifft daraufhin die Entscheidung, seinen Part in Gottes Plan anzunehmen. Er tat „wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte“, berichtet Matthäus. Wir sollen es ihm und Maria gleichtun. Wir sollen wie sie helfen, Gott zur Welt zu bringen. Das ist der für uns heute noch relevante Gedanke in dem ganzen Thema Jungfrauengeburt.
Die Vorstellung Jungfrauengeburt macht deutlich: Der Mensch ist beteiligt, wenn Gott zur Welt kommt. Aber seine Beteiligung ist beschränkt auf das Einwilligen und Empfangen. Heil geschieht, wenn Menschen sich in dieser Weise für Gott öffnen. Wenn sie bereit sind, ihn zu bejahen und zu empfangen. Gott hat Heil im Sinn für seine Menschen. Er liebt sie. Er will mit ihnen sein. Wenn sie nicht mehr weiterwissen, sich verstrickt haben in Schuld oder im Dunkeln sitzen – dann will er sie retten. Das erzählen die Geschichten unserer biblischen Tradition. Die Propheten haben es vor langer Zeit angekündigt: Gott kommt, uns zur Rettung und Erlösung! An Weihnachten wird diese Verheißung erfüllt. In diesem Kind kommt Gott zu uns. Er wird selbst Mensch. Wird der „Gott mit uns“ – Immanuel.
Der Mensch, der sich für dieses Geheimnis öffnet und sein „Ja“ dazu spricht wie Josef und Maria, der sich gebrauchen lässt, anstatt seinen eigenen Willen durchzusetzen und auf seine Souveränität zu beharren – den führt Jesus in den „Freudensaal“:
Lied „Es ist ein Ros´entsprungen“ (EG 30/Liederbuch S.9; Strophe 4)
Liebe Gemeinde, das ist also ein Geheimnis der Weihnacht: Es geht nicht ohne den Menschen. Nicht ohne seine Einwilligung. Nicht ohne sein „Ja“. Denn Gott zwingt nicht. Er überfährt uns nicht. Er liefert sich uns Menschen aus, wenn er auf unser Ja wartet.
Erst wenn wir bereit sind, ihn zu empfangen, möchte er heilsam kommen und mit uns sein. Hätte Maria „Nein“ gesagt, wäre die Geschichte ganz anderes ausgegangen. Indem Josef tat, was ihm der Engel gesagt hatte, indem er es geschehen ließ, entsprach er mit seiner Haltung und seinem Tun Maria. Beide waren bereit, sich Gott zu öffnen und zu empfangen.
Ein paar Seiten später in unserer Bibel, im Johannesevangelium, weitet sich dieser Gedanke hin zu uns. Im ersten Kapitel hören wir, dass das Bild der Jungfrauengeburt für uns alle wahr ist:
„Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind.“ (Johannes 1, 12-13)
Liebe Gemeinde, was heißt das nun konkret?
Im Grunde, dass jeder von uns, der Jesus im Glauben annimmt, vom Heiligen Geist gezeugt und neu geboren ist. Heil und heilig – wenn wir „Ja“ sagen, dass Gott in uns und durch uns zur Welt kommt. Das ist sein Angebot. Sein Weihnachtsgeschenk. Wir müssen es nur annehmen und ihn in unserem Leben empfangen.
„Es gilt das gesprochene Wort.“
Quellenangabe: „Für die vorliegende Predigt wurden Gedanken von Pfarrer Thomas Borchers aus Landau in der Pfalz mit verwendet.“
