Predigt vom Hirtensonntag „Misericordias Domini“ (19. April 2026) von Pfarrerin Dr. Anneke Peereboom
Predigttext 1 Petrus 2,21-25
21 Denn dazu hat euch Gott berufen. Auch Christus hat ja für euch gelitten, und er hat euch ein Beispiel gegeben, dem ihr folgen sollt. 22 Er hat sein Leben lang keine Sünde getan; nie kam ein betrügerisches Wort über seine Lippen. 23 Beschimpfungen ertrug er, ohne mit Vergeltung zu drohen, gegen Misshandlungen wehrte er sich nicht; lieber vertraute er sein Leben Gott an, der ein gerechter Richter ist. 24 Christus hat unsere Sünden auf sich genommen und sie am eigenen Leib zum Kreuz hinaufgetragen. Das bedeutet, dass wir für die Sünde tot sind und jetzt leben können, wie es Gott gefällt. Durch seine Wunden hat Christus euch geheilt. 25 Früher seid ihr herumgeirrt wie Schafe, die sich verlaufen hatten. Aber jetzt seid ihr zu eurem Hirten zurückgekehrt, zu Christus, der euch auf den rechten Weg führt und schützt.
Predigt: Follower oder Nachfolger – Was es heißt, in seinen Fußstapfen zu gehen
Gnade sei mit Euch und Frieden – von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde!
Jesus war nie an Followern interessiert. Er hat keine Follower gesucht, sondern Nachfolger. Follower, wie wir sie heute aus den sozialen Netzwerken kennen, bleiben nämlich in der Regel passiv, während sie verfolgen, was ihre Vorbilder so posten – Nachfolger hingegen setzen sich real in Bewegung. Über 670 Millionen Menschen folgen bspw. dem Fußballer Cristiano Ronaldo allein auf Instagram – er ist dort die Privatperson mit den meisten Anhängern weltweit. Niemand aber erwartet von seinen Followern, dass sie selbst ein Tor schießen können. Sie dürfen bequem im Sessel sitzen bleiben, wenn sie seine Posts verfolgen.
Zum Vergleich: Jesus Christus hat zwar keinen Instagram-Kanal und doch folgen ihm gegenwärtig 2,5 Milliarden Menschen – mehr als 30% der Weltbevölkerung tragen nämlich seinen Namen und sind Christinnen und Christen. Die aus den letzten 2000 Jahren sind dabei noch gar nicht mitgerechnet. Jesus hat Menschen von Anfang an aktiv in seine Nachfolge gerufen – aber es ging ihm nicht um möglichst viele Likes. Es ging ihm darum, dass Menschen an ihrem Handeln erkennen lassen, dass sie der Liebe mehr zutrauen als dem Hass, dass sie sich aktiv für Gerechtigkeit einsetzen, Frieden suchen stiften und Barmherzigkeit leben. Das ist allein vom Sessel aus tendenziell schwierig
Allein dem Namen nach ein Follower sein reicht offenbar nicht. Jesus nachfolgen soll Handeln und Leben sichtbar und spürbar verändern. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Wir halten also schon mal fest: Auch wenn König Fußball unser Land oft regiert und so viele Menschen aufrichtig begeistert, bezweifle ich doch, dass einem Fußballstar wie Cristiano Ronaldo zu folgen, ein Leben nachhaltig verändert. In 2000 Jahren kräht vermutlich ohnehin kein Hahn mehr nach ihm. Jesus Christus wirklich aktiv zu folgen hingegen hat immer schon alles verändert. Von Anfang an bis heute.
Kaum einer hat das wohl so eindrücklich erlebt wie Petrus. Er war damals als einer der allerersten Jünger Jesus gefolgt und sein Leben war seither definitiv nie wieder das gleiche wie zuvor. Nie mehr Fischer in der Provinz. Sondern ein Menschenfischer, ein Apostel, eine prägende Figur der Kirche. Der Papst in Rom sitzt heute noch im nach Petrus benannten Petersdom auf Petri Stuhl und versucht vorzuleben, was Christusnachfolge heute vielleicht bedeuten mag, ganz aktuell im Konflikt mit Donald Trump, wo er immer wieder eine Fahne für den Frieden bricht. Jesus sagte: „Wer nach dem Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen.“ Kampf ist keine Option für seine Nachfolger. Das musste auch Petrus sich ins Stammbuch schreiben lassen.
Gutes Stichwort: Zurück zu Petrus. Jesus nachfolgen hieß für ihn, dass aus ihm einer wurde, der predigte, heilte, Wunder sah, einer der über das Wasser lief, um zu seinem Herrn zu kommen – und kläglich unterging und einknickte, als es dann später wirklich drauf ankam. Petrus war es, der felsenfest überzeugt war, Jesus treuester und loyalster Anhänger zu sein. Petrus war es, der kurz darauf am Abend vor der Kreuzigung leugnete, Jesus auch nur zu kennen, der bitterlich weinte, weil er an seinen eigenen Ansprüchen scheiterte. Der, als der Hahn krähte, realisieren musste, dass er Jesus im entscheidenden Moment nicht treu zur Seite stand: „Nein, ich kenne den Menschen nicht.“ Die Bankrotterklärung. Er wusste es gleich und weinte bitterlich- Petrus fehlte unter dem Kreuz, versteckte sich desillusioniert, ängstlich und ratlos und musste einmal mehr erkennen, dass Nachfolge keine einmalige Entscheidung ist. Sondern immer wieder eine neue. Schritt für Schritt wieder neu. Gehen, stolpern, hinfallen, aufstehen, weitergehen. Petrus ging weiter. Und so sah er den Auferstandenen mit eigenen Augen, sah ihn an Himmelfahrt zum Vater im Himmel gehen, sah an Pfingsten, wie Gottes Geist sturmwindgleich in die Segel seines Glaubens blies und ihn beflügelte in Jesu Namen mehr zu sein, als es den Anschein hatte.
Petrus, der Fels, den Jesus schon von Anfang an in ihm gesehen hatte. Er wurde es noch. Wie sangen die deutschen Fußball-Fans 2005 bei der WM im eigenen Land, dem sogenannten Sommermärchen noch gleich im Chor?! „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg ist steinig und schwer“. Das hätte gut auch Petrus Titelsong sein können. Steinig und schwer auch sein Weg, obwohl (oder besser gerade weil) er dem nachging, dem sein Herz von Anfang an zugeflogen war, diesem Jesus von Nazareth, dessen Weg auf dieser Welt wahrlich auch kein leichter war. Denn er sah, wie Jesus sein Leben so unfassbar bedingungslos Gott anvertraute, und, so heißt es in unserem Predigttext, deshalb alle Beschimpfungen ertrug, sich gegen Misshandlungen nicht wehrte und alle Schuld der Welt auf seine Schultern nahm. Jesus, der alles verlor und eben dadurch alles gewann – für die, die ihm nachfolgten. Darunter Petrus – der, auch wenn er sich unterwegs immer wieder verirrte und vom Weg abkam, am Ende doch immer wieder von seinem Herrn, von Christus auf den rechten Weg zurückbringen ließ. Bei ihm fand er Orientierung – wie ein Schaf, das seinem guten Hirten Vertrauen schenkt und sich von ihm leiten lässt.
Petrus schreibt so einiges dazu in seinem Brief. Oder vielleicht war es auch jemand, der ihm zum Gedenken schrieb. Nicht so wichtig heute. Fakt ist: In Kapitel 2 Vers 21 des ersten Petrusbriefes wird allen Christinnen und Christen etwas Wesentliches mit auf den Weg gegeben – nämlich nicht bloß Follower zu sein sondern echte Nachfolger! Dort lesen wir: „Christus hat euch ein Beispiel gegeben, dem ihr folgen sollt“ oder, wie Luther übersetzt, „ihr sollt nachgehen seinen (gemeint ist Jesu) Fußstapfen“. (Daher stammt übrigens auch unsere immer noch gebräuchliche Redewendung – „in jemandes Fußstapfen treten“, wenn man z.B. den selben Beruf ergreift wie der Vater oder die Mutter, Luther hat hier und an vielen Orten deutsche Sprachgeschichte geschrieben). Wenn ich in jemandes Fußstapfen trete, bedeutet das viel mehr und etwas sehr viel Konkreteres als ein passives Verfolgen und bloßen Gutheißen, neudeutsch „Liken“, wie die Follower auf Tikotok, Instagram, Facebook, Twitter und Co das aus sicherer Distanz am Bildschirm tun. Es geht nicht um eine Meinung oder eine Position oder Glaubensüberzeugung. Es geht beim Christsein nicht darum, ob ich es für möglich halte, dass es Gott gibt oder ob ich durch meine Kirchensteuer das sozial-diakonische Handeln von Kirchen unterstützen möchte. Das ist auch wichtig und schön und ziemlich sozial gedacht.
Aber das ist noch keine echte Nachfolge. Bei Nachfolge geht um einen gemeinsamen beschrittenen Weg in festgelegter Reihenfolge: Jesus vorne – als mein Herr und guter Hirte – ich hinterher als sein Schäflein, das seinen Schritten folgt und in seinen Fußstapfen wandelt. Das altdeutsche Verb „fulgang“, auf das sowohl das deutsche „folgen“ als auch das englische „to follow“ zurückgehen, bedeutet wörtlich „als ganzer/als voller Begleiter mitgehen“. Und ja – das sind reichlich große Fußstapfen, in die wir da treten sollen. Petrus waren sie oft viel zu groß. Aber er gab nicht auf. Er behielt Jesu Weg im Blick, er verfolgte seine Schritte, auch wenn er sie oft nicht gleich verstand. Und er war nicht zu stolz stehen zu bleiben, wenn er realisierte, dass er selbst in die entgegengesetzte Richtung unterwegs war. Und dann kehrte er um. Immer wieder.
„Quo vadis, domine?“ – „Wohin gehst du, Herr?“ Diese Frage stellte der Apostel Petrus dem auferstandenen Christus den apokryphen Petrusakten zufolge, als er wieder einmal unterwegs war. Was war passiert? Nach den Ereignissen von Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten war Petrus losgezogen, zusammen mit den anderen Jüngern, um aller Welt das Evangelium zu verkünden, die frohe Botschaft vom Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi.
Sie wurden dafür belächelt, verspottet – im schlimmeren Fall auch verfolgt, gefangen genommen, verurteilt – und von Anfang an auch hingerichet. Einer nach dem anderen. Petrus wollte den bedrängten und verfolgten Christen mit seinem Brief Mut machen, dass sie trotz alledem auf dem richtigen Weg sind, wenn sie Jesus nachgehen. Petrus selbst war tatsächlich so mutig, allen Risiken zum Trotz nach Rom zu gehen, in die damalige Welthauptstadt, mitten hinein in das Zentrum der Macht um von einer noch viel größeren Macht Zeugnis abzulegen. Um den Anspruch eines Kaisers, der sich selbst als Sohn der Götter begriff, zu hinterfragen und um klarzustellen, dass es nur einen wahren Herrn der Welt gab – auch wenn manche ihn nicht erkannt hatten, weil er nicht mit einer Streitmacht kam, sondern auf einem Esel ritt.
Aber manchmal bekommt wohl jeder Mensch, sogar ein Fels in der Brandung des Zeitgeistes, Angst vor der eigenen Courage. Petrus ist es der Legende nach so ergangen, als er in Rom mit eigenen Augen mit ansehen musste, wie seine Glaubensbrüder und -schwestern in den Arenen von Löwen zu Tode gehetzt wurden. Angst und Zweifel griffen nach ihm, verständlicherweise. Kein verheißungsvoller Weg.
Und so traf Petrus der Legende nach eine Entscheidung für sich, machte auf dem Absatz kehrt und floh, weg einfach nur weg, aus Rom. Weit, weit weg. Weg von Leid und Not und Tod. Kennen wir, dem gehen die meisten Menschen lieber aus dem Weg. Petrus aber kam nicht weit. Nur wenige Kilometer vor der Stadt begegnete ihm der Auferstandene. Und Petrus, mit den Jahren offenbar weiser geworden, stellte ihm die richtige Frage: „Domine, quo vadis?“ („Wohin gehst du Herr?“) Und er erhielt den apokryphen Petrusakten zufolge zur Antwort: „Romam venio iterum crucifigi“ („Nach Rom, um mich erneut kreuzigen zu lassen.“) Petrus verstand. Er kehrte um, einmal mehr. Zurück nach Rom, zu den leidenden, sterbenden Brüdern und Schwestern im Herrn, um ihnen beizustehen.Dort wurde er dann selbst gefangen genommen und man hat Petrus gekreuzigt. Eine kleine, eher unscheinbare Kapelle namens „Domine, quo vadis“ erinnert an die Begebenheit an der Via Appia. Fußabdrücke sind darin zu sehen, bewahrt hinter Glas. Der Legende nach sind es die Spuren, die der auferstandene Christus an der Stelle hinterließ. Wenn man genau hinsieht, erkennt man sogar die Wundmale.
Ja, Christus hat Spuren hinterlassen in dieser Welt – in vielfacher Form. Die wirklich wichtigen aber nicht an der Via Appia, auch wenn sie uns vielleicht eine Erinnerung sein mögen. Die wichtigsten Spuren hat er hinterlassen, weil andere ihm nachgingen und jeder Schritt in die Richtung, die Jesus voranging, einen Weg bahnte zu mehr Glaube, Hoffnung und Liebe in dieser Welt. Erst waren es Einzelne wie Petrus, dann ein Dutzend, dann 500 bald Tausende und Abertausende.
Wenn alle 2,5 Milliarden Christen heute nicht nur Follower wären, sondern echte Nachfolger, würden sie der Gerechtigkeit Wege ebnen, dem Frieden auf Erden, der Barmherzigkeit und unsere Welt wäre eine andere. Aber es ist leichter, passiver Follower zu sein und die anderen machen zu lassen. Und es ist leicht, sich dem Rhythmus dieser Welt hinzugeben. Im Gleichschritt mit dem Zeitgeist zu gehen, in die Richtung, die uns bestimmte politische oder wirtschaftliche Interessengruppen, Medien oder Moden vorgeben.
Aber Jesu Botschaft ist kein Marsch, Links zwo drei vier. Das Evangelium ist eine Synkope. Ein Gegenrhythmus zur Taktlosigkeit dieser Welt. Erst die Liebe bringt den Groove ins Leben. Sie ist der Off-Beat, ein Evangelium im Widerspruch zur Welt. Ein Weg, der mehr am Wohl des Nächsten und an der Gemeinschaft ausgerichtet ist als an Selbstoptimierung oder der eigenen Bequemlichkeit. Ein Weg, der keinen verloren gibt, keinen abwertet, sondern aufwertet, dem Schwachen aufhilft. Ein Weg, der in vielem unlogisch ist, weil er sich nicht an unserer Logik orientiert, sondern an der Jesu – und die war nicht von dieser Welt.
Und du? Bist du ein Follower unseres Herrn oder ein Nachfolger?
Verfolgst du einfach nur, was bei der Kirche so los ist, schickst vielleicht noch Kommentare los über den Gottesdienst, bestimmte Veranstaltungen und ob die anderen Deine Erwartungen erfüllt haben? Oder hast du schon einmal wirklich versucht, in Jesu Fußstapfen zu treten, seinen Spuren zu folgen in deinem eigenen Handeln und in den Schritten, die Du da draußen in der Welt gehst, bei der Familie, deinen Kollegen, deinen Freunden und deinem Sportverein? Und wenn ja, was hast du dabei erlebt? Wir sollen nicht einfach nur die Daumen hoch oder runter halten – das tut der Kaiser in der Arena. Der Nachfolger Christi stellt seine Hände zur Verfügung, um selber anzupacken. Hält sich selbst hin.
Vielleicht inspiriert und motiviert uns das in besonderer Weise, das Jubiläum unseres Besuchsdienstkreises heute zu begehen. Denn in gewisser Weise ist das ein Amt, bei dem man Jesus aktiv nachgeht, der ja selbst eigentlich auch immer unterwegs war, um Menschen zu begegnen. Vielleicht haben Sie erlebt, wie man bei seinem Dienst selbst ein bisschen zum Hirten bzw. zur Hirtin wird oder doch zumindest zum Leitschaf, weil man versucht, auch die bei der Herde zu halten, die vielleicht nicht mehr so gut mithalten können. Weil man den Einsamen für eine gewisse Zeit ihre Einsamkeit vertreibt, weil man ein offenes Ohr schenkt. weil man aufmerksam ist für das, was ein Mensch braucht. Wie viele Wege sind Sie in den letzten 30 Jahren gegangen, die Sie ohne Ihr Ehrenamt in der Nachfolge Jesu nicht von sich aus eingeschlagen hätten? An wie viele Türen sind sie gegangen, an die Sie sonst nie geklopft hätten? Wie viele Menschen haben Sie gesprochen und kennengelernt, die Ihnen sonst fremd geblieben wären? Und hatten Sie den Eindruck, dass das einen Unterschied gemacht hat, für die, die Sie mit einem Besuch geehrt haben?
Vielleicht sollten wir uns das alle öfter mal fragen: „Quo vadis, domine?“ – Wohin gehst du Herr? Und mutig mitgehen. Denn er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ohne ihn ist Irrweg, Lug und Trug und am Ende der Tod. Das führt zu nichts. Aber wenn er mein Hirte ist, dann wird mir nichts mangeln. Dann erquickt er meine Seele und leitet mich auf rechter Straße. Und auch wenn ich durch finstere Täler muss unterwegs, fürchte ich kein Unheil, denn er geht da mit mir durch. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen auf meinem Weg und wenn ich ihm nachgehe, dann werde ich bei ihm bleiben, immerdar.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
(Es gilt das gesprochene Wort)
