Predigt von Pfarrerin Dr. Anneke Peereboom – Karfreitag (03. April 2026):
„Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn, Jesus Christus. Amen.“
Liebe Gemeinde!
Der letzte Nagel ist ins Holz getrieben. Die schweren Holzbalken sind aufgerichtet. Sie ragen in den Himmel. Im Winde wehen die bunten Schleifenbänder des Richtkranzes und der Zimmermann tritt vor, um feierlich seinen Richtspruch zu sprechen – einen Segen für das Haus und seine Bewohner, der sie unter Gottes Gnade stellt.
Es ist ein guter alter Brauch, beim Bau eines neuen Hauses die Errichtung des Dachstuhls mit einem Richtfest zu feiern – bis ins 14. Jahrhundert lässt sich diese Handwerkertradition schon zurückverfolgen. Das Richtfest markiert gewissermaßen den Höhepunkt der Bauarbeiten, an dem das Wesentliche geschafft ist. Zwar fehlen noch Fenster und Türen, vielleicht sogar noch ganze Wände des Hauses. Aber man feiert beim Richtfest offenbar nicht die letzte Vollendung, sondern die Zuversicht: Es wird. Es steht. Es trägt. Darauf lässt sich gut weiter aufbauen – der Gipfelpunkt ist erreicht. Und so halten Bauherr und Bauleute inne und feiern nach viel Arbeit und Strapazen miteinander den Moment. Mit Schnaps und Bier, deftigem Essen und ganz viel Fröhlichkeit.
Liebe Gemeinde!
Der letzte Nagel ist ins Holz getrieben. Die schweren Holzbalken sind aufgerichtet. Sie ragen in den Himmel, völlig schmucklos. Keine flatternden bunten Bänder. Nur ein Schild ist als ironische Provokation am Holz angebracht worden: INRI – „Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum“ (Jesus von Nazareth, König der Juden). Da hängt er, der König mit der Dornenkrone, scheinbar ohnmächtig. Auf dem Gipfelpunkt seiner Mission spricht der Zimmermann aus Nazareth auch hier den Richtspruch: „Es ist vollbracht“ lautet er. Aber wenn es hier etwas zu feiern gibt, so fühlt es sich nicht danach an. Totenstille und Finsternis liegen über diesem Wendepunkt in Gottes Heilsplan für diese Welt. Das Kreuz ist so etwas wie das Richtfest des Glaubens. Ein Haus wird nicht aufgerichtet, aber ein Wort, auf das wir bauen können. Paulus fasst das, was vor 2000 Jahren an den Holzbalken des Kreuzes geschah, in drei dichten theologischen Versen für uns zusammen:
19 Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. 20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!
21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
Der Apostel Paulus versucht hier als einer der Ersten, intellektuell das Unbegreifliche zu verstehen, das sich am Kreuz ereignet hat und es theologisch in Worte zu fassen. Der Begriff der Versöhnung spielt dabei die Schlüsselrolle. Paulus findet dazu prägende, zentrale Worte für den christlichen Glauben, auf die sich seit Jahrtausenden gut bauen lässt, Lebensfundamente bis auf den heutigen Tag. Ganz leicht zu verstehen sind seine Aussagen freilich nicht. Schauen wir uns darum seine Überlegungen im Einzelnen anhand von 3 einfachen W-Fragen an, damit wir das besser verinnerlichen können:
1) Wer hat uns am Karfreitag versöhnt?
2) Wie wurden wir am Karfreitag versöhnt?
3) Was heißt das für heute?
Also: 1) Wer hat uns am Karfreitag versöhnt?
Paulus macht das gleich zu Beginn in Vers 19 glasklar: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber“. Der allmächtige, ewige gerechte und liebevolle Gott selber ist es, der uns am Karfreitag versöhnt. Er selbst hing da am Kreuz in Christus und er selbst ging in den Tod.
Warum ist das wichtig? Nun, weil Paulus uns damit vor einer gravierenden Fehlinterpretation bewahrt. Ich kenne Menschen, die an Karfreitag ordentlich Bauchschmerzen bekommen mit ihrem Glauben an den „lieben Gott“. Seltsam blutdurstig erscheint er ihnen am Kreuz, irgendwie archaisch und unversöhnlich, weil er offenbar das Blut von Menschenopfern braucht, um sich besänftigen zu lassen. Schickt er doch augenscheinlich den armen, unschuldigen Jesus als Sündenbock und Opferlamm ans Kreuz – einen Menschen, der keiner Fliege was zu Leide getan hat. Ein solch verstandener Glaube kann Menschen nicht nur das Kreuz zuwider machen, sondern auch Gott, den Vater. Insbesondere wenn sich dazu noch entsprechende persönliche Lebenserfahrungen mischen von einem cholerischen Vater mit Tobsuchtsanfällen etwa, oder einem tyrannischen Lehrer oder einer sonstigen Autoritätsperson.
Dabei lässt schon das Alte Testament (vgl. u.a. Dtn 12,31) überhaupt keinen Zweifel daran, dass unserem Gott Menschenopfer ein Gräuel sind – übrigens ganz im Unterschied zu den anderen Göttern der Antike. Warum also sollte Gott nun plötzlich seine Meinung so grundlegend ändern und selbst eines einfordern? Gott ist die Liebe. Liebe opfert keinen anderen für höhere Interessen – wenn überhaupt opfert sie sich selbst auf. Und das ist es, was Gott tut. Er gibt sich selbst hin am Kreuz. Das will Paulus von Anfang an klarstellen: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber“. Das heißt umgekehrt: Jesus war nicht einfach nur ein guter Mensch, ein ethisches Vorbild, dem wir nacheifern sollen, und der am Kreuz einen Märtyrertod gestorben ist, sondern er ist, wie die alten dogmatischen Formeln der sogenannten Zwei-Naturen-Lehre es benennen, „wahrer Mensch UND wahrer Gott“. „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst“. Und nein, Gott konnte sich und uns das Kreuz nicht ersparen. All das Unrecht, das Leid, die Ungerechtigkeit dieser Welt lässt unseren Gott, der liebevoll ist und gerecht, nicht kalt, viel weniger noch als uns. Stell dir nur eine Sache vor, eine Abscheulichkeit, die Menschen einander antun, die dich wirklich aufwühlt und umtreibt? Sollte Gott wirklich großmütig darüber hinwegsehen? Sollte es ihn nicht auf die Barrikaden bringen, wenn Menschen gedemütigt, benutzt, verletzt werden an Körper und Seele? Ihn, der alle Epstein-Files kennt inklusive der geschwärzten Passagen? Alle namenslosen Tragödien Nigerias oder Nord-Koreas oder hier im Odenwald? Der in Gefängnissen und Gaskammern gelitten hat und auch mit Dir in Deinen einsamsten und verzweifeltsten Momenten? In all dem droht die Sünde das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen und über uns zu herrschen und das kann und darf Gott einfach nicht kalt lassen. Finde ich zumindest, sonst fällt es mir schwer, ihm mein Vertrauen und meine Liebe zu schenken. Aber all dieses himmelschreiende Unrecht hat Konsequenzen – nur dass Gott sie selbst gezogen hat. Er hat die Konsequenzen für all unser menschliches Unrecht auf sich selbst genommen, auf seine Schulter. Er hat uns versöhnt. Gott selbst. In Christus. Das ist die Antwort auf die Wer-Frage.
Kommen wir zu Punkt 2) Wie wurden wir an Karfreitag versöhnt?
Paulus benutzt zur Klärung dieser Frage eine ganz bestimmte Bildwelt, um das Geschehen zu illustrieren. Jeder Christ sollte dieses Konzept unbedingt kennen – unbedingt! Denn dieses Konzept, dieses Bild von Versöhnung, ist wesentlich für das Evangelium. Es geht um das Konzept der Zurechnung bzw. der Anrechnung, oder für die, die gerne mit ihren Latein-Kenntnissen imponieren, um die „imputatio“. Die wesentliche Idee dabei ist, dass einer Person die Leistung oder umgekehrt die Schuld einer anderen Person zugerechnet wird. Das kann im positiven Sinne passieren: Wenn ich bspw. in den Urlaub fahre und dort irgend jemanden treffe und der fragt mich, woher ich komme. Und ich sag: Ich komm aus Michelstand! Und dann sagt derjenige vielleicht: Toll! Ich kenn da 1-2 Leute, die waren echt super nett, komm ich geb dir einen aus! In diesem Fall wird mir eine gute Erfahrung, die jemand mit anderen gemacht hat, zugerechnet, obwohl ich das gar nicht verdient habe. Das Ganze funktioniert freilich auch umgekehrt und das kennen wir Deutschen ziemlich gut. Die Erinnerung an Nazi-Deutschland schwingt immer irgendwie mit, wenn ein Mensch aus einem anderen Land davon hört, dass du aus Deutschland komme. Und dann siehst du dich mit Untaten konfrontiert, die du gar nicht selber begangen hast und musst dich verantworten. Erlittenes Unrecht lässt uns Menschen nicht los – und Gott offenbar auch nicht. Es wird zugerechnet – es braucht einen Adressaten. Wie heißt es bei Paulus: „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu“. Zurechnung – „imputatio“ – da haben wir es! Das ist es. Und wie funktioniert das hier bei Paulus:
„Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“ Alle Sünde dieser Welt, all ihre Abscheulichkeiten, rechnet Gott Jesus Christus zu – und damit sich selbst. Im Tausch, im „fröhlichen Wechsel“ wie der Reformator Martin Luther in seinem Werk „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ herausarbeitet, rechnet er dir dafür seine eigene Gerechtigkeit an: Das vollkommen gerechte, perfekte Leben und Wesen von Jesus wird dir zugeschrieben. Es kommt dir zugute, so wie in einer Ehe mit Gütergemeinschaft das Vermögen des einen Partners auch zum Vermögen des anderen wird. Einfach aus Liebe. Wenn du im Glauben erlebt, wie du von Minderwertigkeitsgedanken, Versagensängsten und Anfechtungen frei werden kann, weil Christus am Kreuz für dich eingetreten ist, dann weißt du, dass Erlösung und Befreiung eine Beziehungssache ist, keine eigene Leistung. Und dann beginnst du aus dieser engen Verbindung zu Christus heraus anders zu handeln – nicht aus Angst sondern aus Dankbarkeit und Liebe. Das ist urevangelisches Gedankengut – und so ist es kein Zufall, dass wir genau diese Bibelstelle heute am Karfreitag, dem höchsten evangelischen Feiertag, in einer Kirche der Reformation bedenken. Es ist die frohe Botschaft, die darauf baut, dass Gott nicht nur gerecht ist, sondern gerecht macht.
Er tauscht – sein Vermögen gegen dein Unvermögen. Die Umbuchung geschieht am Kreuz. Gott hat reinen Tisch gemacht mit deiner Schuld, indem er sie selbst bezahlt hat. Du musst dein Leben nicht mehr selbst rechtfertigen, dich nicht selbst verwirklichen. Du musst dich nicht mehr beweisen, nicht vor dir und nicht vor anderen. Von dieser Last hat dich einer ein- für allemal befreit. Du darfst aus Gnade dein Leben in Freiheit leben
Das ist die Antwort auf die Frage, wie am Karfreitag Versöhnung geschehen ist – ein fröhlicher Wechsel. Vielleicht also doch ein Grund zu feiern?
3) Was heißt das für uns heute?
Paulus schreibt in den Versen 19 und 20: „Gott hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Das heißt: Wenn du das Geschehen am Kreuz für dich im Glauben annimmst und darauf baust, dann geht damit ein Auftrag an dich einher: Der Auftrag, dich zu deiner Beziehung zu Jesus Christus zu bekennen und in deiner Welt davon Zeugnis abzulegen. Ihr eine frohe Botschaft zu verkündigen. Von einer zerbrechlichen Kreatur zur anderen zerbrechlichen Kreatur.
Es geht nicht darum, intellektuell um das Versöhnungsgeschehen von Karfreitag zu wissen, es für wahr zu halten oder auch nicht. Es geht darum, es sich existentiell anzueignen und aus dieser Wahrheit heraus zu leben und zu sterben. Eine Ehe, aus der in der Praxis gar nichts folgt – kein gemeinsames Leben, kein Bekenntnis zueinander, keine Treue – die ist schräg. Das ist beim Bund mit Gott genauso. Und es ist so wichtig, dass wir das Gute, das wir aus unserem Glauben ziehen, nicht für uns behalten, sondern mit anderen teilen. Denn – wie hat Dietrich Bonhoeffer einmal gesagt: „Der Christus im eigenen Herzen ist schwächer als der Christus im Worte des Bruders“. Wir alle sind darauf angewiesen, dass wir einander von der Gnade, von der Versöhnung erzählen, dass uns jemand die frohe Botschaft von der Liebe Gottes zuspricht. Deswegen ist Gemeinde so ein unersetzlich wertvoller Ort. Sie ist der Ort ist, wo wir uns das gegenseitig immer wieder zuflüstern, zusprechen, zujubeln, zusingen. Dass das, was da vor 2000 Jahren passiert ist, für Dich passiert ist! Für Dich! Das muss dir ein anderer sagen, damit du es glauben und annehmen kannst! Und eine der größten Schwierigkeiten, die wir als Kirche haben, besteht darin, dass wir das nicht genug tun – einander Botschafter zu sein, „Botschafter an Christi Statt“. Bürger seines Himmelreiches, ausgesandt, Gottes Wort auszurichten und damit selbst Versöhnung aufzurichten. Wir legen, bildlich gesprochen, durch unsere Worte und Taten quasi die Dachziegel auf den am Kreuz gefertigten Dachstuhl. Damit andere darin Zuflucht finden, Geborgenheit, Trost und Hilfe, wenn ihnen die Lebensstürme um die Ohren peitschen. Und die Dachdecker Gottes sind wir alle: Eltern und Großeltern die ihren Kindern und Enkeln von ihrem Gott und umgekehrt, von seiner Herrlichkeit können Kollegen einander erzählen, Konfis ihren Mitschülern von seiner Liebe, jeder von uns. Denn Jesus hat nicht abstrakt namenlose Sünder ans Kreuz getragen – sondern dich! All das, was dir das Leben schwer macht. Gott liebt nicht abstrakt die Menschheit, er liebt dich! Er hat am Kreuz das Fundament für dein Lebenshaus gelegt und er wünscht sich, dass du andere dahin einlädst. Dann bist du „Botschafter an Christi statt“ – das bedeuten Paulus Worte für uns heute.
Das Fazit heute am Karfreitag, an dem wir das Richtfest des Glaubens feiern: Wenn du das Gefühl hast, dein Leben sei eine einzige Baustelle, voller Risse und Brüche, unordentlich, unfertig, kaputt, mit Beziehungen, die bröckeln, Schuld, die du auf dich geladen hast, Dingen die du verdrängt hast oder für die dir die Kraft fehlt. Dann mach dir heute klar: Das Wesentliche ist geschafft!
Denn der Karfreitag als Richtfest des Glaubens vergewissert uns: Gott selbst kommt auf deine Baustelle und legt Hand an. Der Zimmermann aus Nazareth übernimmt. Dank ihm wird am Richtfest des Glaubens nicht über dich gerichtet. Sondern: Du wirst aufgerichtet. Mit dem Wort der Versöhnung.
Und der Friede Gottes…
(ausgehend von einem Impuls von Felix Rickhoff aus Werkstatt Liturgie & Predigt, was das Bild des Richtfestes betrifft)
„Es gilt das gesprochene Wort!“
