Predigt an Palmsonntag (29. März 2026) zur Salbung in Betanien (Markus 14) von Pfarrerin Dr. Anneke Peereboom:
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen. (Gal 1,3)
Liebe Gemeinde!
Wir sind Christen. Das heißt, wir bekennen uns zu Jesus Christus. Das ist kein Eigenname, sondern ein kurz gefasstes Bekenntnis: „Jesus ist der Christus“. Christus bzw. Messias heißt auf Deutsch: Der Gesalbte – seit alter Zeit der Titel für den gottgesandten Retter und Erlöser der Welt. Doch wer hat Jesus eigentlich gesalbt? Wer hat ihn für uns als Christus erkennbar gemacht? Wenn wir Markus folgen, geschah dies ganz praktisch und anschaulich zwei Tage vor seinem Tod – und zwar durch eine bis heute unbekannte Frau. Eine faszinierende Geschichte.
Jesus war wieder einmal zu Gast bei einem Mahl – sein Gastgeber, Simon, trägt den Beinamen „Der Aussätzige“. Da ein Leprakranker nicht einfach zu Hause wohnen oder gar Gäste empfangen durfte, sondern außerhalb der Stadt hausen musste, dürfen wir davon ausgehen, dass dieser Simon von seiner Lepraerkrankung bereits geheilt worden ist – vermutlich durch Jesus selbst, von anderen ist uns ein solches Geschehen nicht überliefert.
Offensichtlich gehörte er zur höheren Gesellschaft (Lukas zufolge war Simon sogar ein Pharisäer) und er zählte sich zu den „Freunden Jesu“. An diesem Abend hatte er Jesus und seine Anhänger zum Essen eingeladen, vielleicht aus Dank, wer weiß? Wir wissen auch nicht, wie die Stimmung an diesem Abend ist. Liegt schon eine gewisse Schwermut im Raum? Jesus hatte ja schon mehrfach angedeutet, dass sein Weg kein leichter sein würde. Ahnen seine Freunde schon, was das heißt, was sie in den kommenden Tagen Entsetzliches erwartet? Oder sind sie noch ganz beflügelt und überwältigt von der Begeisterung der vielen Menschen am Straßenrand, die ihre Kleider und Palmzweige Jesus zu Füßen legten und ihm zujubelten wie einem König? Denken, hoffen sie noch, dass doch alles irgendwie gut ausgeht? Oder hängen ihnen noch die Gespräche und Diskussionen im Tempel nach, von denen Markus in den Kapiteln zuvor berichtet? Versuchen sie noch zu verstehen? All das wissen wir nicht, aber eins wissen wir doch: Ein solches Gastmahl, wie Markus es schildert, war Männersache. Eine Frau, die dort einfach hineinplatzt, benahm sich nicht nur ungehörig sondern regelrecht unschicklich – vielleicht ist das der Grund, dass Lukas sie in seiner Variante der Geschichte explizit als „Sünderin“ zeichnet – also als eine Frau, der das, was die Leute sagen, aufgrund ihres schlechten Rufes ohnehin egal ist. Markus erwähnt nichts dergleichen.
Aus seiner Schilderung des Geschehens können wir nur entnehmen, dass die Frau vermögend ist und sich ungehindert im Haus des Simon bewegt, was unter Umständen eher für eine selbstbewusste Dame der Jerusalemer High Society sprechen könnte. Im Text bleibt es im Dunkeln, was sie dazu treibt, Jesus zu salben: Ist es Dankbarkeit (vielleicht für die Heilung des Simon), ist es Huldigung oder ist es Liebe? Wir wissen es nicht, vielleicht eine Mischung aus alldem. Jedenfalls übertritt sie mit der Art, wie sie ihre Gefühle für Jesus äußert, für alle Dabeisitzenden die Grenzen des guten Geschmacks. Sie platzt mitten hinein in ein gepflegtes Tischgespäch und schüttet Jesus Öl über den Kopf. Die Haare kleben, das fettige Zeug läuft ihm über den Hals und vermutlich über die Kleider. Nicht ein oder zwei Tropfen kostbaren Öls als Zeichen der Ehrerbietung – nein, eine ganze Flasche muss es sein. Und: Das Zeug ist teuer! Mit 300 Silbergroschen wird der Preis der Flasche dieses kostbaren Nardenöls angegeben. Eine unvorstellbare Summe in einer Zeit, in der die meisten Menschen mit einem Silbergroschen pro Tag auskommen mussten. Judas verrät Jesus für 30 Silbergroschen, das ist ein gutes Monatsgehalt. Diese Frau hingegen haut mit ihrer Geste ein durchschnittliches Jahresgehalt auf den Kopf! Der Einwand der Anwesenden ist darum mehr als berechtigt: Hätte man das Geld nicht besser den Armen geben sollen? Wie viel Gutes hätte man damit tun können!
Hatte Jesus nicht selber gesagt, dass er nicht Opfer, sondern Barmherzigkeit will (vgl. Matthäus 9,13)? Und hatte er nicht vom reichen Jüngling gefordert, er solle sein Geld den Armen geben (vgl. Markus 10.17ff)? – Die verärgerte Reaktion der Tischgäste ist darum keineswegs kleinlich, sondern durchaus vernünftig – in gewissem Sinne sogar christlich.
Und Jesus? Was tut er angesichts der Verschwendung von Mitteln? Er kontert: „Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.“ Jesus spricht hier also ein Machtwort. Aber nicht eines zugunsten der Macht, sondern eines zugunsten der Liebe. Ein Machtwort bleibt es. Er erkennt in dem Überfluss an Öl den Ausdruck einer überfließenden Liebe und Wertschätzung.
Im griechischen Urtext spricht Jesus hier interessanterweise nicht von einem „guten“, sondern von einem „schönen“ Werk. Dieser Unterschied ist bedeutsam. Dass wir als Christen gute Taten tun sollen, wissen wir. Aber offensichtlich gibt es auch schöne Taten, die wir tun können und die sich mit guten Taten nicht einfach verrechnen lassen. Der Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti hat einmal gesagt: „Gute Taten geben dem Leben Sinn. Schöne Taten geben dem Leben Glanz.“
Das eine darf man nicht gegen das andere ausspielen. Gute Taten sind die Grundlage des Menschlichen. Aber schöne Taten setzen unseren guten Taten die Krone auf.
Wir leben in einer Welt, liebe Gemeinde, die stark nach dem Nutzen und nach dem Zweckmäßigen fragt. Und doch ist es oft gerade das Nicht-Zweckmäßige, das unserer Seele guttut. Darum stellen wir, wenn wir Gäste haben, das Menü nicht nach den Richtlinien der Gesundheitsbehörde zusammen, sondern schauen, was schön aussieht und lecker schmeckt – egal, wie viel Kalorien sich in der Sahnesosse und im Nachtisch verbergen. Und wir schenken unseren Kindern zu Weihnachten eben nicht nur die praktischen warmen Strümpfe, sondern auch Dinge, die vielleicht unvernünftig und nicht wirklich notwendig sind, aber ein Strahlen auf ihre Gesichter zaubert. Weil wir sie liebhaben und ihnen eine Freude machen wollen, suchen wir nach etwas Schönem.
Das Gute und das Schöne stehen nicht selten in einer gewissen Spannung, mitunter sogar im Konflikt. Und beobachten sie sich gerne mal selbst bei der Entscheidungsfindung: Gar nicht so selten entscheiden wir uns instinktiv für das Schöne vor dem Guten, wenn wir die Wahl haben. Das Schöne hat Macht über uns und unser Herz. Es hat etwas mit dem zu tun, was wir lieben.
Auch in den Dingen des Glaubens stehen wir manchmal vor dieser Frage: So bewundern wir zum Beispiel die prächtigen Kirchen aus vergangenen Zeiten, staunend und ehrfürchtig, und setzen uns auch gerne hinein, um die Atmosphäre auf unsere Seele wirken zu lassen. Wir fragen uns aber auch, ob ein solcher Prunk eigentlich zu verantworten ist und ob man das Geld nicht besser den Armen gegeben hätte. Auf der anderen Seite fühlen wir uns in Kirchen nicht wohl, die vor allem nach dem Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit gebaut wurden. Gemeindezentren als reine Betonhallen mögen praktisch sein, haben aber wenig Einladendes und Erhebendes. Auch daheim sind es ja oft die schönen, wenn auch unnützen Dinge, die die Atmosphäre ausmachen und die eine Wohnung zu einem Zuhause machen. Wir brauchen nicht nur das Zweckmäßige, sondern auch das Schöne, wenn unsere Seele nicht vertrocknen soll. Wir brauchen die guten Taten für unseren Leib, aber wir brauchen die schönen Taten für unsere Seele. Wenn wir unser Geld nur noch für schöne Dinge ausgeben, machen wir sicherlich etwas verkehrt. Aber all unser Einsatz und all unser Geld können das Elend dieser Welt nicht einmal ansatzweise beseitigen. Darum braucht es neben den guten Taten, die helfen, die Not der Welt zu lindern, auch die schönen Taten, die in der Lage sind, die Seele zu erfreuen und zu erfrischen, uns zu beflügeln und mit Kraft zu erfüllen.
Dieser Gegensatz wird in der Geschichte an zwei Personen offenbar. Markus spannt – ähnlich wie Johannes – in seinem Evangelium die Frau mit dem Salböl ganz eng mit der Person des Judas zusammen. Sie ist in gewisser Weise sein Gegenpart. Denn eines konnte Judas richtig gut: rechnen! Darum führte er im Kreis der Jünger Jesu auch die Kasse. Judas kam – völlig vernünftig – zu dem Schluss, dass sich schöne Taten nicht rechnen. So auch das Handeln der Frau. Was sie macht, tut sie nicht, weil es vernünftig ist, sondern weil es liebevoll ist. Das „bringt“ erst mal nichts für die Notleidenden dieser Welt. Es bringt, genau genommen, faktisch auch nichts für Jesus, denn der Weg, den er zu gehen hat, bleibt der gleiche. Hätte sie das Geld, hätte sie ihre Ressourcen, darum nicht besser anders investieren sollen, weniger flüchtig? – „Lasst sie“, sagt Jesus sinngemäß zu solchen Erwägungen. Und vielleicht möchte er uns sagen: „Hört auf mit euren Rechnereien! Diese Frau in ihrer Liebe macht mich wirklich zum Christus. Für euch anderen, die ihr so auf gute Taten aus seid, werde ich immer nur Jesus, das Vorbild, sein. Jesus, der Lehrer. Jesus, der gute Mensch aus Nazareth. Erst diese Frau in ihrer Liebe macht mich zum Christus. Erst die verschwenderische Liebe dieser Frau verleiht meinem und ihrem Leben seinen wahren Glanz, setzt dem, was ich getan habe und noch tun werde, die Krone auf. Sie hat mich in ihrem Herzen erkannt.“
Die Frau hat Jesus gesalbt – und sie hat ihn damit zum Christus gemacht, zum Gesalbten. Die Unmengen an kostbarem Öl, die sie dafür aufbrachte, sind Ausdruck einer überfließenden Liebe und Hingabe – und spiegeln damit etwas von Jesu eigenem Wesen wider. Wie hat die deutsche Philosophin Edith Stein einmal gesagt: „Das innerste Wesen der Liebe ist Hingabe. Gott, der Liebe ist, verschenkt sich an die Geschöpfe, die Er zur Liebe erschaffen hat.“
Wer sich von Jesus zu Taten der Nächstenliebe inspirieren lässt, tut zweifellos viel. Aber er behandelt ihn damit noch nicht wirklich als Christus, sondern lediglich als bedeutenden Lehrer der Moral oder ethisches Vorbild. Das geht auch aus reiner Vernunft heraus. Das geht auch ohne Glauben und das geht vor allem ohne Liebe, ohne Dankbarkeit – ohne wahre Beziehung. Zum Christus, zu meinem Retter, Heiland Erlöser aber, wird Jesus mir in Taten der Liebe, der Dankbarkeit und der Hingabe, die direkt auf ihn zielen und ihn so „salben“. Was könnte ich ihm Schönes schenken – einfach so, weil er mir etwas bedeutet, ohne Berechnung, ohne Bestechung, ohne Begier? Was sagt mir mein Herz, wenn es ihm zufliegt?
Davon hört man heute freilich wenig, auch in der Kirche. Von guten Taten hört man viel. Die leuchten allen noch irgendwie ein. Dass die Kirche da aktiv sein muss, wo Armut herrscht.
Doch wo bleiben die „schönen Taten“ – oder auch nur die Ideen und Vorschläge, wie solche schönen Taten heute aussehen könnten? Das ist nichts, was man verlangen oder vorschreiben könnte oder sollte – Liebe, die nicht freiwillig einen Ausdruck findet, ist immer schräg. Aber vielleicht könnte ich diesem Jesus, wenn ich ihn als Christus erkenne, sagen was er mir bedeutet – und ihn loben, einfach nur so, ohne äußeren Anlass und ohne Vorbeter im Gottesdienst. Vielleicht könnte ich ihm Gedanken, Gebete, ein Lächeln, einen Seufzer widmen, mitten am Tage und ihn teilhaben lassen an meinem Leben. Wir könnten ihm inmitten unseres von Terminen bedrängten Tagesablaufes eine Viertelstunde gemeinsame „Stille Zeit“ abzwacken: Nur, um im Gebet bei ihm zu sein und auf sein Wort zu hören. Wir könnten ihm zu Hause eine Ecke einräumen, die für nichts anderes reserviert ist als für Andacht und Gebet. Wir könnten ihm etwas schenken, das ihn freut, vielleicht etwas Schönes schaffen, in Musik oder Malerei, im Garten, in Holz, mit Nadel und Faden, wie es uns entspricht. Wir könnten uns überlegen, wie wir unsere Gottesdienste schöner gestalten können, und uns das am Ende sogar etwas kosten lassen. Alles das nicht, wril er es so von uns erwartet, nicht, weil „man“ das als Christ so macht oder gar zu machen hat, sondern einfach so, aus Dankbarkeit und Liebe. Was immer die Phantasie der Liebe uns eingibt. Ohne Rücksicht darauf, was andere darüber denken.
Etwas Verschwenderisches, das sich vielleicht nie rechnet. Etwas, was unseren guten Taten die Krone aufsetzt. Denn erst darin wird Jesus für uns zum Christus, wird er nicht nur Herr der Welt, sondern unser Herr und Heiland. „Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren“ (1 Johannes 5,1), heißt es im ersten Johannesbrief. Für mich heißt das: Jesus als dem Christus unsere Liebe zu schenken, heißt, dass wir darauf setzen, dass in dieser Welt und über diese Welt nicht die Macht das letzte Wort hat, sondern das Machtwort der Liebe. Die Liebe, die alles gibt, die sich selbst großzügig hingibt, verschwendet. Die keinen Sinn ergibt und doch das einzig wirklich Sinnvolle und Schöne ist, was wir dem Leid und der Not dieser Welt entgegensetzen können. Vielleicht ist die unvernünftige Liebe dieser Frau im Markusevangelium mit ihrem Alabasterfläschen ein Hinweis auf die Liebe dessen, der sie noch viel verschwenderischer ausgießt, gänzlich unvernünftig, unberechenbar, aber völlig unwiderstehlich ans Kreuz geht und darüber hinaus ins Leben für die, die er liebt.
Und der Friede Gottes…
(Der Predigt liegt eine Andacht aus „Expedition zum Anfang“ S. 283ff. von Klaus Douglas zugrunde)
„Es gilt das gesprochene Wort!“
